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Medientreffpunkt Mitteldeutschland 2006

Prophetisches
Geschichten hinter den Geschichten beim Medientreffpunkt

Sie waren beide da. Ob sie miteinander gesprochen haben ist nicht bekannt. Uwe Vorkötter, vor drei Wochen im Mai Noch-Chefredakteur der Berliner Zeitung, und Josef Depenbrock, damals Noch-Nicht-Chefredakteur ebendieses Blattes.

Während der eine (Vorkötter) beim Medientreffpunkt Mitteldeutschland in Leipzig über journalistische Regeln beim Umgang mit Parteienforschern in der Politikberichterstattung sprach, ging es in der Runde des anderen (Depenbrock) handfester zu. Was ist vom Einstieg von Finanzinvestoren in heimische Pressehäuser zu halten? Wie verträgt sich eine hohe Renditeerwartung mit journalistischer Qualität? – Wer wollte, konnte schon gut drei Wochen vor der Neubesetzung der Chefredaktion der Berliner Zeitung Programmatisches vom Nachfolger Vorkötters hören. Depenbrock, zum Zeitpunkt der Diskussion Chefredakteur und Herausgeber der Hamburger Morgenpost, die ebenso wie die Berliner Zeitung von einer Investorengruppe um den irischen Unternehmer David Montgomery und den Fonds Veronis Suhler Stevenson gekauft wurde, mühte sich, die schlechtbeleumundeten „Heuschrecken“ in mildes Licht zu tauchen: „Heuschrecken sind keine Fleischfresser“ – Ein Zitat, dass es im Zuge der wiederaufflammenden Proteste der Redaktion der Berliner Zeitung gegen die Bestellung Depenbrocks noch Wochen nach dem Medientreffpunkt in die Spalten der überregionalen Presse gebracht hat. Depenbrock: „Heuschrecken sind auch nur Menschen. Ihr Ziel ist Gewinnmaximierung.“

Die Kongressmacher freut natürlich das Zitiertwerden und ihr Riecher für kommende Personen und Geschichten, wenngleich das Thema hier alles andere als nur ein fröhlicher kleiner Eigentümerwechsel ist. Depenbrocks erste Aussagen als Chef der Berliner Zeitung drehten sich dann auch um ein von ihm diagnostiziertes Missverhältnis zwischen dem vielgelesenen Ressort „Vermischtes“ (1,6 Redakteursstellen) und dem Feuilleton (13 Redakteure) der Berliner Zeitung. Als Renditeerwatung der neuen Eigentümer werden Zahlen um die 20 Prozent genannt.

Und sonst? Nicht nur das internationale Kapital hat Lust in deutsche Medienunternehmen zu investieren – auch die heimischen Medienhäuser haben die Durststrecke der Anzeigeneinbußen und der investiven Grabesstimmung der vergangenen Jahre wie einen schlechten Traum beiseite gewischt.

Derzeit wird in Zuversicht gemacht. Die Technik wird’s richten, so die verbreitete Ansicht. Handy-TV, eines der Zauberwörter der Stunde, wurde ganz heiß diskutiert. Was wird Standart, wer reguliert die neuen Dienste eigentlich und wo führt das hin? – Ernste Fragen, bei deren Beantwortung aber kaum einer der Beteiligten von der guten Stimmung lassen wollte. Klar, die Fußballweltmeisterschaft kommt bestimmt und die potenziellen Kunden scheinen bessere Bildqualität bei den TV-Geräten ebenso zu schätzen wie Internet und Fernsehen zum Mitnehmen.

Neben dem, was der Markt diktiert, was verbraucherrelevant ist und deshalb natürlich von den Agenturen berichtet und von den Zeitungen gedruckt wird, ist es sicher ein Erfolg des Medientreffpunkts, dass auch Themenklassiker wie die Pressefreiheit, kulturelle Werte der Berichterstattung und die gewundene Objektivität des Sportjournalismus ein interessiertes Publikum über den Kongress hinaus fanden.

Einig waren sich die angereisten Medienredakteure, Technikjournalisten und medienpolitischen Analysten aus den Redaktionen der Fachmagazine nur bei der Gewichtung und Einordnung eines ganz speziellen Themas: der Sorge um den Medienkonsum der Kinder und Jugendlichen. Die Aussage des Soziologen Udo Thiedeke, beim Treffpunkt Mediennachwuchs, der jungen Zusatzveranstaltung zum Medientreffpunkt, dass fünf Prozent der kleinen und jugendlichen Internetnutzer online-süchtig seien, schaffte es als Meldung bis nach Österreich und in die Schweiz.

Die Kids kommen also noch vor der Sorge um die Arbeitsplätze von Redakteuren, dem Profit der Medienunternehmer und redaktioneller und journalistischer Verantwortung. Ein interessanter Befund.

Boris Lochthofen
[Der Autor ist Sprecher des Medientreffpunkts Mitteldeutschland
]