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 Journalistische Fortbildung vor 100 Jahren und heute

„Wer nicht immer noch besser werden will, verliert…“

Der Redakteur Josef Ortmanns war 1932 des Lobes voll: „Wer als Zeitungsmensch Tag für Tag und auch manche Nachtstunde in aufreibender Berufsarbeit steht und vom Tempo der Aktualität gehetzt und getrieben wird, hat kaum Zeit, um in stiller, ruhiger Selbstbetrachtung einmal über die vielfachen Probleme des Berufslebens nachzudenken.“ Ortmanns war gerade von einem „zeitungsfachlichen Fortbildungskurs“ aus Berlin zurückgekehrt. Der Zeitung „Die Presse“ schrieb er: „Die Veranstaltung war so reich und intensiv, daß man davon noch lange zehren wird. Der Journalist soll hier nicht mit Buchstabenweisheit vollgestopft und mit Lehrsätzen gefüttert werden.“ Dafür könne er sich und seine Arbeit selbst „einmal unter die Lupe der Selbstkritik“ nehmen. Das Zeitungsblatt dürfe nicht zum Lorbeerblatt werden, auf dem sich der Journalist ausruhe.

Journalismus – das war zur Ortmanns Zeit bereits ein Massenberuf. Allerdings fehlte es an qualifiziertem Personal, das „Organ des Reichsverbandes der Deutschen Presse“ sprach sogar von einer „Notlage“. Es gebe zwar „viele und billige junge Mitarbeiter“, die aber „ungeeignet“ seien. Weniger als ein Viertel der deutschen Journalisten hatte damals einen Hochschulabschluss. Eine akademische Journalistenausbildung gab es nicht, Fortbildung war eher ein Fremdwort. Es galt nach wie vor die These, zum Journalisten werde man „geboren“. Diese Auffassung hatte bereits den Gründer der ersten deutschen Journalisten-Hochschule, Richard Wrede, zur Weißglut gebracht. Wer Arzt, Prediger, Anwalt Offizier oder Cirkusreiter werden wolle, so Wrede 1902, brauche die Neigung und die Liebe zum Beruf – und eine Fachbildung. Nur die „geborenen“ Journalisten glaubten, sie bräuchten sich nur an den Redaktionstisch zu setzen, dann würde es schon gehen. Das sei eine Ansicht, „die auf das Entschiedenste zu bekämpfen ist, einmal weil sie objektiv falsch ist, und zweitens, weil gerade sie dazu geführt hat, den journalistischen Beruf in den Augen der Welt herabzusetzen.“ Journalisten galten nicht nur dem Kaiser als „vielfach verkommene Gymnasiasten“. 

100 Jahre später spricht vom „geborenen“ Journalisten niemand mehr, auch wenn Talent natürlich nach wie vor gefragt ist. Doch zum Talent gehört heute die Ausbildung. Journalisten - das sind heute meist qualifizierte Fachleute. Journalismus ist ein Akademikerberuf. 68 Prozent der Journalistinnen und Journalisten haben einen Hochschulabschluss, weitere 15 Prozent haben mit einem Studium begonnen, es aber nicht abgeschlossen. Seit 1954 werden in der DDR und seit Anfang der 70er Jahre auch in der alten Bundesrepublik Diplom-Journalisten ausgebildet. Die Zahl der journalistischen Studiengänge wächst stetig, vor allem an den Fachhochschulen. 62 Prozent der Journalisten haben ein Volontariat absolviert, 13 Prozent eine Journalistenschule. Auf den Arbeitsmarkt drängen also immer mehr junge Journalisten, gut ausgebildet in Theorie und Praxis – aber mit schlechteren Chancen als früher. Gab es 1993 knapp 54.000 hauptberufliche Journalisten, so sind es heute noch 48.000. Vor allem die Zahl der Freiberufler ist deutlich gesunken. Der Druck auf dem Arbeitsmarkt ist größer geworden. Das spüren auch die erfahrenen Journalisten, die sich behaupten müssen. Einer der wichtigsten Wege ist, an seiner Qualifikation zu arbeiten, meint der Leipziger Journalistikprofessor Walther von La Roche: „Fort- und Weiterbildung sind notwendiger Bestandteil kontinuierlicher Professionalisierung. Wer sein Sachwissen nicht aktuell hält, wer fachliche Entwicklungen verpasst, wer nicht immer noch besser werden will, verliert an Berufschancen ebenso wie an journalistischer Qualität.“

Wer sich heute fortbilden will, dem stehen in Deutschland viele Türen offen. Walther von La Roche, der seit 40 Jahren Journalismus unterrichtet, meint, die Fortbildungsmöglichkeiten seien enorm gewachsen. Noch nie habe es so viele differenzierte und höchst qualifizierte Angebote gegeben. (Siehe Links) Jürgen Dörmann, Direktor des traditionsreichen Journalistenzentrums „Haus Busch“ in Hagen, beurteilt die Situation ähnlich. Allerdings ist er darüber nicht sehr glücklich. „Die Konkurrenz ist größer geworden. Gleichzeitig besuchen immer weniger Journalisten die Seminare. Unsere Teilnehmerzahlen sind um 30 bis 40 Prozent gesunken. Das Problem ist, dass immer weniger junge Leute fest angestellt werden. Diese hoch motivierten Redakteure, die gern zur Fortbildung gekommen sind, die fehlen uns.“ Das berühmte Licht am Ende des Tunnels sieht Dr. Gabriele Hooffacker. Sie leitet die Journalisten-Akademie, die in München, Nürnberg und Frohburg vor allem Online-Journalisten ausbildet: „Wegen der viel zitierten Medienkrise haben Verlage und Redaktionen noch weniger Geld für Fortbildung ausgegeben. Das scheint sich aber allmählich wieder zu normalisieren.  Aber Fortbildungen sind für viele Journalisten oft zu teuer. Für andere ist die Zeit das Problem. Deshalb haben wir die Seminare auf die Wochenenden verlagert, weil an Werktagen kaum jemand mehr Zeit für 2-3 Tage am Stück hat.“ Dagegen kann Dr. Ruth Blaes auf einen Aufwärtstrend verweisen. Sie leitet die ZFP, die von ARD und ZDF getragene „Zentrale Fortbildung Programm-Mitarbeiter“: „Das Interesse an Fortbildung hat in den letzten Jahren deutlich zugenommen. 2000 hat die ZFP 450 Seminare angeboten, 2005 sind es bereits 550 gewesen.“ Der Chef des MDR-BildungsCentrums, Frank-Thomas Suppè, bestätigt diese Entwicklung. 2002 hätten 745 MDR-Mitarbeiter an journalistischen Kursen teilgenommen, 2004 bereits 1100. Tendenz: steigend.

„Journalistisches Handwerk steht oben, ganz klar“, sagt Jürgen Dörmann, wenn er auf seine Seminarstatistik schaut. Nachrichten, Berichte, Interviews, Reportage, Sprecherziehungen, Moderation, Schreiben fürs Web… Journalisten wollen Wissen die die Praxis erwerben, auffrischen oder sich über neue Entwicklungen informieren. Der Geschäftsführer des DJV Sachsen, Michael Hiller, meint, er sei sehr überrascht, welchen großen Anklang gerade die Handwerksseminare finden. Ganz ähnlich äußert sich Gabriele Hooffacker: „Zu meiner Überraschung ist die `Einführung in die journalistischen Darstellungsformen` ein Dauerbrenner bei uns. Dieses Seminar wird zwar auch von "gestandenen" Journalisten besucht, vor allem aber von Pressesprechern und PR-Leuten, die wissen wollen, welche handwerklichen Regeln Journalisten kennen.“

Wer sich zu einem Seminar anmeldet, will Neues kennen lernen, ausgefahrene Gleise verlassen, Kontakte knüpfen, schließlich ist die Fortbildung auch eine beliebte Berufsbörse. Doch viele Journalisten verweigern sich, vor allem die älteren. „Junge Leute lechzen geradezu nach Seminaren. Aber es gibt oft noch eine unheimliche Arroganz, gerade bei den so genannten `alten Hasen`“, stellt Frank-Thomas Suppé fest. „Sie glauben, dass sie es nicht nötig haben und es sogar besser wissen.“ Ganz menschliche Gründe hat Dr. Ruth Blaes ausgemacht: „Viele sind bequem, andere wollen sich nicht blamieren. Sie haben Angst, dass ihre Kompetenz vielleicht doch nicht so groß ist. Ein gestörtes Verhältnis zur Fortbildung haben auch die Journalisten, die in ihren Redaktionen keine Maßstäbe für Qualität haben. Wenn immer nur der Chef aus dem Bauch heraus urteilt, kann kein Journalist wissen, ob er gut oder schlecht ist.“ Der langjährige Chef der Leipziger Lokalredaktion der LVZ, Thomas Seidler, meint, aufgrund von Personalmangel und/oder Konkurrenzdruck glaubten viele, sich keine „Auszeit“ leisten zu können. „Auch in der Brust des zuständigen Leiters schlagen da meist zwei Herzen: Einerseits ist er froh, wenn alle an Bord sind, andererseits weiß er, dass es gut wäre, seine Leute zur Weiterbildung zu animieren. Tut er es, wird das zumeist auch positiv von den Redakteuren aufgenommen. Und am Ende ist es ein Gewinn für alle.“

„Der Leidensdruck ist groß genug. Wir müssen gemeinsam neue Wege finden“, fordert Jürgen Dörmann von den Fortbildungseinrichtungen. „Nicht Konkurrenz ist angesagt, sondern Kooperation.“ Um Journalisten neue Berufswege zu öffnen, vor allem im lokalen Bereich, sollen so genannte Cross-Media-Kurse verstärkt angeboten werden. Auch das Angebot der ZFP wandelt sich. Sie veranstaltet weniger Seminare in den Trainingszentren in Wiesbaden und Hannover, sondern mehr „vor Ort“. Auf Wunsch der Redaktionen kommen Trainer ins Haus, um zum Beispiel gemeinsam mit Redaktionen Strukturen zu überarbeiten oder neue Sendungen zu entwickeln. Suppès Motto ist: „Wer allen etwas bietet, bietet keinem etwas richtiges.“ Deshalb will er weniger offene Seminare anbieten und dafür mehr Angebote machen, die auf die Wünsche seiner Kunden zugeschnitten sind, auf Teams und einzelne Mitarbeiter. Übereinstimmend berichten die Fortbildungsexperten, dass Seminare über Sachwissen schlechter besucht seien - obwohl viele Journalisten das nötig hätten. Gefragt seien dafür zunehmend Seminare, die früher von Journalisten gemieden wurden. Thomas Seidler: „Wichtig geworden sind Themen wie Stressbewältigung, Zeitmanagement, Kommunikationstechniken, Mitarbeiterführung etc.“

Wie recherchiere ich besser? Wie schreibe ich verständlich? Wie funktioniert das neue Redaktionssystem? Alles wichtige Fragen, über die man in einem Seminar sprechen kann. Doch schon Josef Ortmanns wusste 1932, dass es noch andere Gründe gibt, zu Fortbildungsveranstaltungen zu fahren: „Der tiefere Sinn dieser Kurse ist, den vom Druck der Tagesarbeit losgelösten Journalisten einmal zu sich selbst kommen zu lassen und im Kreise anderer Berufskollegen seine tägliche Arbeit zu betrachten.“ Das sieht Thomas Seidler von der LVZ auch heute noch so: „Bei den Seminaren kommen die Kollegen in Kontakt mit Journalisten aus anderen Einrichtungen, schauen über den Tellerrand. Dabei gewinnen sie zumeist einen neuen Zugang zu Themen, die sie seit Jahren immer wieder bearbeiten müssen, wirken dadurch nach ihrer Rückkehr in die Redaktion geistig erfrischt, was man letztlich - zumindest für eine gewisse Zeit - auch an ihren Produkten spürt.“ Wer Fortbildungsveranstaltungen plant, weiß, dass es für Gespräche unter Kollegen ausreichend Zeit geben muss. Walther von La Roche: „Was im Seminar passiert, finde ich wichtig. Aber genau so wichtig sind die Begegnungen außerhalb des Seminars, der Erfahrungsaustausch unter Kollegen, in den Pausen oder abends beim Bier oder Wein.“

Nach seiner Rückkehr sprach Josef Ortmanns von „geistigen Ferien“, die er in Berlin erlebt habe. Die Veranstaltung habe sein Wissen bereichert und sein journalistisches Verantwortungsbewußtsein geschärft. Eines könne ein Seminar aber nicht leisten: „In diesen Kursen können keine Journalisten gezüchtet werden. Wer kein Journalist ist, kann auch hier keiner werden.“

Dietz Schwiesau

Wer, wann, was,
wo, wie, warum?

DJV-Seminar mit Dietz Schwiesau
27.-29. Januar 2006 in Dresden

Dietz.Schwiesau (inet) neu

Unser Autor, Dietz Schwiesau (44) ist Chef Nachrichten/ Zeitgeschehen bei MDR 1 Radio Sachsen-Anhalt, seit 15 Jahren in der Aus- und Weiterbildung tätig (Universität Leipzig, DJV, ZFP, Electronic Media School u.a.) und Autor journalistischer Fachbücher, zuletzt ist erschienen: „Die Nachricht in Presse, Radio, Fernsehen, Nachrichtenagentur und Internet“, München 2003.  http://www.journalistische-praxis.de/nachr/index.html

Mehr zum Thema:
www.journalismus
.com/termin/seminare/index.html

Eine Auflistung aktueller Seminare in Deutschland.

Seminarangebote:
www.djv.de/jsp/seminar/suche.jsp
Eine praktische Suchmaschine für Seminare des 1986 gegründeten DJV-Bildungswerks.

www.akademie-fuer-publizistik.de
Die Akademie für Publizistik ist ein gemeinnütziger Verein mit Sitz in Hamburg, eine Institution zur berufsbegleitenden überbetrieblichen Aus- und Fortbildung von Journalisten aller Medien.

www.berliner-journalisten-schule.de
Träger der Berliner Journalisten-Schule ist der Journalisten-Bildungsverein des Deutschen Journalisten-Verbandes (DJV) / Landesverband Berlin

www.drehscheibe.org/seminare.html
Die ITZ Initiative Tagezeitung e.V. und die Bundeszentrale für politische Bildung bieten Seminare an, die sich speziell an Lokaljournalisten richten. Neu im Programm sind Angebote für Hörfunkjournalisten.

www.evangelische-medienakademie.de
Die Medienakademie eine Abteilung des Gemeinschaftswerks der Ev. Publizistik
(GEP), das größtenteils von der Evangelischen Kirche in Deutschland  finanziert wird.

www.hausbusch.de
Deutsches Institut für publizistische Bildungsarbeit in Hagen, kurz: Haus Busch. Zahlreiche Seminarangebote im Weiterbildungszentrum.

www.hoerfunkakademie.de
Die Deutsche Hörfunkakademie in Dortmund hat Aus-, Fort- und Weiterbildungsangebote für alle, die beim Radio arbeiten

www.journalistenakademie.de Journalistische Weiterbildung in München, Frohburg und Nürnberg mit dem Schwerpunkt Onlinejournalismus.

www.jwb.fu-berlin.de
Der Studiengang Journalisten-Weiterbildung (JWB) ist ein Programm des Journalisten-Kollegs an der Freien Universit¦t Berlin für berufstätige Journalistinnen und Journalisten.

www.zfp.de
Weiterbildungsangebote der ZFP, der „Zentrale Fortbildung Programm-Mitarbeiter“ von ARD und ZDF