K35-0 

erscheint 8.10..2004

 

 

 

 

© DJV-Kurier 50, Dresden, 2004, Vervielfältigung oder Nachdruck nur mit Genehmigung der Redaktion

 

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Kapital für Qualität

Gespräch mit Hauptgeschäftsführer
Hubert Engeroff zum Tarifgeschäft

(gekürzt aus Kiek an)

Tarifverhandlungen werden für die Gewerkschaften immer komplizierter. Der Verlegerverband hat das Tarifergebnis als „Einstieg in den Ausstieg“... bezeichnet. Wie positioniert sich der DJV dazu? 

Wir sind nicht überrascht, das entspricht dem sich seit mehreren Jahren abzeichnenden tarifpolitischen Kurs des BDZV. Unsere Position ist klar: Wenn  ausschließlich zur Verbesserung der Rendite die Arbeitsbedingungen der Redakteurinnen und Redakteure verschlechtert werden, verstehen wir das als Generalangriff auf den Redakteursberuf. Wir organisieren Widerstand.

Entlassene Redakteure bundesweit in Größenordnungen, outgesourcte Seiten, newsdesks. Redakteure in Lokalredaktionen arbeiten bis zu 10, 12 Stunden täglich, sind Fotografen, Layouter und sollen auch noch recherchieren. Ein Berufsbild ist im Umbruch. Wie sieht die Zukunft der Printmedien aus?

Das wird ja schon als Glaubensfrage gehandelt. Meine Einschätzung ist, dass die Printmedien eine Zukunft haben. Nicht alles was sich nachteilig entwickelt hat, wird zu den Tageszeitungen zurückkehren. Ich denke an bestimmte Anzeigensegmente, die ins Internet abgewandert sind. Da wird es auch die Notwendigkeit geben, Mehrfachnutzung intensiver zu diskutieren, als dies bisher der Fall ist. Die Zeitung bleibt aber ein nachgefragtes Qualitätsprodukt. Für den Anzeigenmarkt und die Leserschaft. Die Verlagsmanager beklagen ja auch nicht den Zustand der Zeitungen sondern die Schwäche der Konjunktur. Und die wird sich wieder erholen. 

Freie Presse braucht gute Journalisten. Wie kann Qualitätsjournalismus unter diesen Bedingungen gewährleistet werden?

Indem man die Redaktionen nicht zu puren Kostenstellen degradiert. Redakteure arbeiten über die festgelegte Arbeitszeit. Aus Engagement und mit hoher Motivation. Das ist Kapital für Qualität. Wer diesen Einsatz mit Degradierung belohnt, wird langfristig keine Qualitätszeitung machen. Redakteure haben ein Recht auf angemessene Bezahlung und brauchen Zeit für sorgfältige Recherche. Kosten-, Zeit- und Auflagendruck sind Qualitätsfresser. Die notwendigen Bedingungen lassen sich auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten organisieren. Voraussetzung ist, die Zeitung wird nicht als Mittel zum Geld drucken  missverstanden. 

Freie Journalisten haben das Nachsehen. Immer mehr arbeiten für immer weniger Geld. Die Zahl der DJV-Mitglieder, die frei arbeiten wächst unaufhaltsam. Was kann und muss für sie getan werden?

Die Frage beschreibt eine schwierige Situation. Ich sehe zumindest drei Ansätze: Wir brauchen verbindliche Honorarsysteme für hauptberuflich tätige Journalisten. Daran arbeiten wir. Aktuell in den Gesprächen über gemeinsame Vergütungsregeln mit BDZV und VDZ. Solche Regeln schaffen für alle Beteiligten Planungssicherheit und vermeiden individuelle Willkür zu Lasten der Freien. Wir versuchen darüber hinaus durch entsprechende Qualifizierungsangebote über das DJV-Bildungswerk einen Beitrag zu leisten. Schließlich müssen wir in den eigenen Reihen immer wieder deutlich machen, dass unsere Mitglieder an einem Strang und nicht gegeneinander arbeiten. Als Stichwort nenne ich die Honoraretats. 

Mit Hubert Engeroff sprach Sibylle Ekat

 

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Wie weiter?

Die Tageszeitung stirbt, titelte neulich die taz. Dem erschreckten Leser wurde aber umgehend vermittelt, dass es um das Blatt selbst nicht geht! Die Branche insgesamt ist gemeint... Einsparungen, Seitenreduzierungen, Entlassungen, verringerter Qualitätsanspruch, Druck auf Redaktionen, gefährliche Besitzverhältnisse und Kartellrechtsentwicklungen gehen demnach offensichtlich an dem Genossenschafts-Blatt vorbei? Auslagerungen, Tarifflucht, Verlagerung der journalistischen Arbeit an schlechtbezahlte Freie... muss man als Indizien hinzufügen, wenn man das Problem gewerkschaftlich betrachtet. Aber die Medienwelt hat sich eben auch verändert. Den bisher traditionellen Medien ist ein weiteres hinzugekommen: das Internet! Es greift unaufhaltsam in alles Bestehende ein! Neue interaktive Möglichkeiten schmälern vor allem das traditionelle Anzeigengeschäft der Tageszeitungen. Die Verlage mischen allerdings (zum Glück?) kräftig mit. Mit eigenen Intenet-Angeboten, Anzeigenblättern und anderem... Und hinter allem steht nur ein einziger Fakt: Profitstreben. Wie oft hören wir beispielsweise, dass ein Verlag statt der geplanten 10 Millionen nur 3 Millionen Gewinn realisieren konnte. Da wird einem schon lau ums Herz und manch einer hat vollstes Verständnis für ach so notwendige Sparmaßnahmen. Aber bitte, Jammern gehört doch zum Geschäft, zum Tarifgeschäft auch! Deshalb findet es auch regelmäßig statt. Auf beiden Seiten!

Ein Problem bedroht allerdings dieses Ritual: Die Partner bewegen sich zunehmend auf dünnem Eis! Den Unternehmerverbänden laufen die Mitgliedsbetriebe weg oder sie flüchten in sogenannte OT-Mitgliedschaften. Auf Seiten der Arbeitnehmer, wird die Zahl der Festangestellten immer geringer. Allein im DJV_Sachsen ist der Anteil der bei Verlagen angestellten Redakteuren bereits weit unter die 20-Prozent-Marke gerutscht. Wirklich hundertprozentig flächentarifgebunden sind rund 130 Redakteurinnen und Redakteure. Tarifbindung heißt aber nicht nur Gehaltsgruppen  und regelmäßige lineare Erhöhungen, Tarifbindung heißt auch klare Arbeitszeit- und Urlaubsregelung, verbriefte Volontärsausbildung, Altersversorgung und mehr...

Können wir aus dem Tarifgeschäft heraus trudeln??? Keine Partner mehr da, kein Interesse, Angst bei den Betroffenen, keine Notwendigkeit etwas regeln zu müssen...Wie also weiter??? Augen zu und durch! Es wird schon alles wieder so werden, wie es in der guten alten BRD-Zeit mal war. Soziale Marktwirtschaft, Aufschwung, Aufschwung, Aufschwung, Wohlstand, Zugewinn neuer Bundesländer, wieder Aufschwung und Boom in allen Branchen, Gehaltssteigerungen, die fast die Zehn-Prozent-Marke erreichenten. Auch die sächsischen Zeitungsredakteure haben von letzterem profitiert. Nun aber könnte es sein, dass es unter den Redakteure bald keine „Profitierenden“ mehr gibt. Weil es keine Redakteure mehr gibt. Ihre Arbeit erledigt die ausgelagerte Agentur, der Freie... Es scheint an der Zeit, althergebrachtes zu überdenken und vielleicht mal etwas ganz anders zu machen... Vorrangigstes Ziel muss dabei sein, mehr Journalistinnen und Journalisten, mehr DJV-Mitglieder in relativ gesicherte Verhältnisse zu bringen. Die Verhandler auf beiden Seiten sind gefordert! Kreativität statt Ritualität ist gefragt! Und vielleicht sind auch Abstriche nötig, um das Tarifwerk insgesamt zu erhalten bzw. den Kreis der "Begünstigten" wieder zu erweitern. Das Tarifwerk für Redakteure darf genau so wenig sterben, wie die Gattung Tageszeitung selbst.

Schreiben Sie dem DJV Sachsen, wie wichtig für Sie tarifliche Regelungen sind, was Sie sich sich auf Tarifebene persönlich wünschen und vor allem, wofür Sie sich auch persönlich einsetzen würden. Oder beantworten Sie unseren Fragenkatalog unter www.djv-sachsen.de/umfragealg

Michael Hiller