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Görlitzer Allgemeine:
Rosaroter Abgang mit Panther
„Hier steppt der Papst im Kettenhemd – Sie glauben gar nicht, was hier los ist“, so vertröstet Markus Kremser die zahlreichen Anrufer mit den Interviewwünschen am Tag X+1 und fügt hinzu: „Eine Zeitung abzuwickeln ist mindestens so viel Arbeit wie eine zu gründen.“
Tag X war der 16. Juni, den Titel der „Görlitzer Allgemeinen“ (GA) ziert ein rosaroter Panther über den Dächern von Görlitz und die poetische Überschrift „Heute ist nicht alle Tage – wir kommen wieder, keine Frage.“
Nun war Abwicklung eigentlich gar nicht das Thema, sondern die erste Neugründung einer Tageszeitung im Osten seit der Wende und ein offensiv publizierter Streit mit dem „Monopolisten“ unter dem Aufmacher „Goliath gegen David: Wie ein Riese einen Zwerg bekämpft – die sächsische Zeitung kann mit Konkurrenz nicht leben“ rund drei Wochen zuvor. Drei Tage nach dem ersten Versuch klappt es dann mit dem Interview (siehe „Publizistische Marktlücke absolut getroffen“), Zeit für eine kurze Rückblende: Schon Mitte März warf der geplante Zeitungsneustart seine Schatten voraus, auch wenn in den designierten Redaktionsräumen in der Görlitzer Altstadt noch fleißig gehandgewerkelt wurde. Der Mut verwunderte, zumal es den etablierten lokalen Medien so gut nicht ging: Dem monatlichen kostenlosen Kulturjournal „SODA“, einer Art Stadtmagazin fürs Dreiländereck, plagte schon nicht länger Seitenschwund dank Anzeigenmangel und Anfang des Jahres folgte aus Kostengründen die Umstellung auf Zeitungsformat.
Und auch die verkaufte Auflage der Görlitzer Ausgabe der „Sächsischen Zeitung“ sank laut IVW vom 1. Quartal 2003 von 18.184 relativ kontinuierlich auf 17.369 Stück genau ein Jahr später. Die Zahl der SZ-Abos sank in diesem Zeitraum um über 800 auf 16.702 im Frühjahr diesen Jahres– ein langwieriger Trend, der vor allem dank der zunehmenden Bevölkerungsüberalterung alle Abo-Zeitungen in der ostdeutschen Fläche betrifft.
Dennoch begrüßte die Sächsische Zeitung in einer internen Hausmitteilung die neue Konkurrenz in einer Hausmitteilung explizit und versprach, diese ernst zu nehmen. Carsten Dietmann, SZ-Verlagsleiter im Dresdner Druck- und Verlagshaus (DDV) begründet: „Die Einführung einer neuen Tageszeitung erfordert Ausdauer und ein finanzielles Polster, um Anfangsverluste auszugleichen. Inwieweit beides bei den Herausgebern der GA vorhanden war, war von uns nicht einschätzbar.“
In der ersten und einzigen Preisliste der „Görlitzer Allgemeinen“, die vom 1. März datiert und Markus Kremser als Inhaber ausgibt, sind die Kerndaten des Unterfangens festgehalten: 3000 Exemplare geplante Druckauflage zum Ersterscheinungstag am 14. April. Über die Anzeigeneinstiegspreise von 0,13 (Ortspreis in Schwarz/Weiß) bis 0,21 Euro (Grundpreis in Farbe) je Spaltenmillimeter würde man in der Landeshauptstadt nur müde lächeln, der Preis für den Leser betrug 60 Cent am Kiosk und 13,50 Euro pro Monat. Die erste Ausgabe erschien dann punktgenau und gratis zum 1. Mai – dem Jubeltag zur EU-Osterweiterung, ab 3. Mai dann regulär und im Abo erhältlich. Die Verzögerung wird mit Vertragsproblemen seitens der Druckerei begründet, gedruckt wird die „GA“ bei „Polskapresse“ in Breslau.
Markus Kremser, geboren 1974 in Parchim, 1988 mit Familie ausgereist und hernach beim „Bonner General-Anzeiger“ und später bei der „Neuen Südtiroler Tageszeitung“ mit journalistischer Erfahrung ausgestattet, fungierte anfangs als Herausgeber und verantwortlicher Redakteur und hatte ein junges Team um sich versammelt, die „fernab von Tariflöhnen“ bis zu 14 Stunden täglich arbeiteten. Der lokale „Output“ ist ambitioniert und bringt das Machbare bei der dürftigen Görlitzer Neuigkeitenlage. Dem Service wird mit Fernsehprogramm, Veranstaltungen, Wetter sowie donnerstags Kleinanzeigen der breitestmögliche Raum gewidmet. Verwundert reibt man sich allerdings die Augen, dass mit ddp und AFP zwei Agenturen die Nachrichtenlage jenseits des Görlitzer Verbreitungsgebietes großflächig abdecken. Die Nachfrage, ob man sich denn diesen Luxus leisten könnte, darf Kremser aus Vertragsgründen nicht beantworten.
Dessen optimistische Einschätzung über die publizistische und wirtschaftliche Marktlücke sieht Carsten Dietmann, SZ-Verlagsleiter im Dresdner Druck- und Verlagshaus (DDV), generell anders: „Die Sächsische Zeitung“ ist – wie andere Regionalzeitungen auch – bemüht, die große Nachrichtenlage mit den Lokalnachrichten der Region täglich zu verbinden. Dafür verfügen wir neben einer Mantelredaktion auch über eine Lokalredaktion in Görlitz, die täglich sechs bis acht Seiten Nachrichten aus der Region aufarbeitet. Die publizistische Lücke ist daher so groß oder klein wie in jeder anderen Region auch. Wirtschaftlich hat sich aber gezeigt, dass kaum ein Anzeigenkunde das neue Angebot auch nur ausprobiert hat.“ Bei den eigenen Abos sei kein Schaden durch die GA erkennbar: „Wir haben die Aboabgänge mit den Vorjahreszahlen verglichen und keinerlei außergewöhnliche Abweichungen feststellen können.“
Riese gegen Goliath – drei Wochen nach dem Start, in der Ausgabe vom 22. Mai, erhebt dann Markus Kremser auf Seite 3 schwere Vorwürfe gegen die SZ als "angeschlagenem Riesen" und stellt eine „Liste der Angriffen auf die Pressefreiheit in Görlitz“ auf und verweist drohend auf die biblischen Ausgang. Kernpunkt: Es würden Zeitungen geklaut, Anzeigenkunden beeinflusst und Schreibverbote erlassen – alte Seilschaften, die den Erfolg einer neuen Tageszeitung verhindern wollen. Dietmann reagiert darauf gelassen: „Die Vorwürfe waren unberechtigt, da wir natürlich keine Zeitungen aus Briefkästen entfernen. Wir haben dies als einen Versuch interpretiert, einen Schuldigen für das drohende verfrühte Ende der „GA“ zu haben. Wir haben darauf auch überhaupt nicht reagiert, sondern weiter täglich eine ordentliche Zeitung für die Görlitzer produziert.“ Lediglich den Einführungstermin der Sonntagszeitung habe man um eine Woche nach vorne verlegt, um sich nicht mit der Einführungskampagne der „GA“ zu überschneiden. Aber dieser Wochentitel habe mit einer Tageszeitung nichts zu tun.
Auch in den folgenden Wochen gelang es der „GA“ nicht, die redaktionelle Arbeit durch mehr verkaufte Anzeigenfläche sichtlich zu entlasten. Auch 800 bis 900 Stück verkaufte Auflage reichten nach sechseinhalb Wochen nicht als Zwischenbilanz zum angestrebten „break even“ bei 3000 nach neun bis zwölf Monaten, obwohl mit Bernhard Kremser der Vater des Chefredakteur als Herausgeber ins Boot geholt wurde. Offizieller Grund des vorzeitigen Scheiterns sind nicht eingehaltene Finanzierungszusagen. In der Abschiedsausgabe vom 16. Juni wird – neben der Wiederbelebung der Verschwörungsthese – das Ende aber als vorläufiges publiziert und Kremser senior spricht sogar von einem Zeitpunkt der Wiederkehr vor der Fertigstellung der Altstadtbrücke – dies wäre also schon im Herbst.
Auf die Frage , was er denn bei einem Rollentausch anders gemacht hätte, meint Carsten Dietmann: „Ich wäre keinesfalls als Tageszeitung, sondern bestenfalls als Wochenzeitung gestartet. Zudem gibt es für eine Neugründung zahlreiche besser geeignete Städte, die größer und wirtschaftlich stärker sind als Görlitz.“ Über die plötzlich wieder fehlende Konkurrenz im täglichen Zeitungsgeschäft, die ja das Geschäft belebt und Lokalredakteure sichtlich strafft, ist Dietmann nicht sonderlich traurig: „Konkurrenz besteht ja weiterhin – bei der Beschaffung und Verarbeitung von Nachrichten und Anzeigen, auch hin zu den elektronischen Medien, den Anzeigenblättern und anderen Publikationen, so dass wir keinen Grund sehen, jetzt die eigenen Anforderungen zurückzunehmen.“ Als Erfahrung aus der Episode bleibt den Görlitzer SZ-Mitarbeitern und -Lesern die Erkenntnis, dass Zeitung nicht so einfach zu machen ist, wie von einigen angenommen gedacht. Die gepriesene Medienvielfalt sei zwar anstrebsam, wirtschaftlich aber nur in großen Metropolen durchsetzbar. Und gegebenenfalls sei eine starke Regionalzeitung für die Leser doch besser als zwei schwache.
Ein endgültiges Fazit, was die Neugründung an Nutzen und Schaden bewirkte, harrt so noch der Bewertung, auf die IVW-Prüfung des zweiten und dritten Quartals wird man nicht nur im Hause DDV gespannt sein.Netzinfos:
Andreas Herrmann |