K35-0 

erscheint 2.4.2004

 

 

 
 

© DJV-Kurier 48, Dresden, 2004, Vervielfältigung oder Nachdruck nur mit Genehmigung der Redaktion

 

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80 Jahre Rundfunk

Kultur, Kommerz und Unterhaltung

In 80 Jahren Rundfunkgeschichte bleiben die Muster unverändert - die Wahrnehmung ist anders geworden

Rundfunk soll zum Kulturfaktor werden, erklärte der Mentor des deutschen Rundfunkwesen, der Ingenieur und spätere Reichsrundfunkkommissar Hans Bredow, beim Sendesstart 1923.,,Nicht länger soll er ausschließlich wirtschaftlichen Zwecken dienen, sondern dieser Kulturfortschrift soll benutzt werden, dem deutschen Volk etwas Anregung und Freude in das Leben zu bringen." Mit dieser Verkündung ist vor 80 Jahren das Spannungsfeld des Hörfunks treffend umschrieben worden, und zwar lange bevor Radio zum Massenmedium avancierte: Kulturauftrag versus Kommerz, Meinungs- und Kunstfreiheit anstelle der Zensur, Unterhaltung contra Information, Aufklärungsinstrument für das Volk oder Propaganamedium für die Massen?

Unterhaltungsrundfunk für alle - das war die Maxime der Radiopioniere im Berliner Vox-Haus am alten Potsdamer Platz. Während die technische Entwicklung des Hörfunks von Ingenieuren und Militärs stetig vorangetrieben wurde, waren sich die Protagonisten anfangs über Inhalt und Zweck des neuen Mediums unschlüssig. Jedenfalls sollte das, was heute als Bildungsauftrag festgeschrieben ist, eine Hauptaufgabe sein. 

Radio veranstalten war teuer. So wie seit wenigen Jahren für das Umts-Mobilfunknetz eine flächendeckende Infrastruktur aufgebaut werden muß, waren 1924 die Investitionen in Sendeanlagen erforderlich. Das war Aufgabe der Reichspost.

Gebührenausgleich der Sender

Die Rundfunkökonomie war Mitte der 20er Jahre nicht anders als heute. Das Prinzip der Gebühren-Finanzierung ist so alt wie das Rundfunksystem selbst. ,,Rundfunk ist genehmigungspflichtig" hieß es dazu offiziell. Die neun regionalen Gesellschaften wie die Mitteldeutsche Rundfunk Aktien-Gesellschaft (Mirag) in Leipzig wurden von den Hörern finanziert - siehe Kasten Rundfunkgeschichte. Damals zogen die Postboten die Gebühren ein. Die Post bekam ihren Anteil für die Bereitstellung der Übertragungsleitungen und der Staat hatte eine neue Einnahmequelle gefunden. Von den Gebühren überwies die Reichspost wiederum knapp die Hälfte an die Rundfunk-Gesellschaften. 

Im ländlichen Ostpreußen weit weg von Königsberg war die  Wirtschaftlichkeit der Ostmarken-Rundfunk AG so ungenügend wie beim ORB nach der Wende in Brandenburg oder beim Saarländischen Rundfunk. Das Prinzip des Gebührenausgleichs sorgte für eine angemessene Finanzausstattung der Orag, nachdem die ersten Finanzschwierigkeiten überwunden waren.Aber auch andernorts suchten die Veranstalter nach weiteren Einnahmemöglichkeiten: Werbefunk. Die Möglichkeit von ,,Radio Inseraten" wurde kurz nach Sendestart 1924 errungen.

 ,,Unter allen Umständen muß vermieden werden, daß die kulturelle Bedeutung des Rundfunks durch die Ausübung von Reklame beeinträchtigt wird." So hat 1924 die Reichspost geurteilt, die ja an den Gebühren gut kassierte. Das florierende Geschäft mit gedruckter Reklame bei der Hauspost sollte nicht beeinträchtigt werden. Heute kommt das fast unveränderte Argument gegen Werbefunk vom Verband Privater Rundfunk und Telekommunikation: Der Verband der rund 200 kommerziellen Rundfunkveranstalter in Deutschland will nicht, daß die Werbeeinnahmen seiner Mitglieder beeinträchtigt werden infolge steigender Werbeerlöse deröffentlich-rechtlichen Anstalten.

In 80 Jahren Rundfunkgeschichte hat sich die Bedeutung und Wahrnehmung des Radios stark gewandelt - die Prämissen dagegen wenig: Die wesentlichen Funktionen des Hörfunks waren bei seiner Entwicklung Anfang der 1920er Jahre noch unausgereift, aber bewußt. Nicht nur der Streit um die Finanzierung hat schon damals begonnen - siehe Kasten zur Finanzierung - auch die Diskussion um Kulturauftrag, Information und Unterhaltung ist alt. Und auch die Klagen der Mitarbeiter über schlechte Honorare gab es in den 20er Jahren schon.

Heinrich Heines ,,Seegespenst" gilt als erste literarische Wortsendung 1923. Im Folgejahr wurden ,,Hoffmanns Erzählungen" gelesen, Mozarts ,,Zauberflöte" erklang imRadio. 1927 gab es den ersten Hörspiel-Wettbewerb der Reichs-Rundfunk-Gesellschaft (RRG), dem Dachverband ähnlich der heutigen ARD. Die Liste der Kulturschaffenden im Radio reichte von Thomas Mann über Erich Kästner bis Ernst Toller.Doch das Verhältnis von ,,Dichtung und Hörkunst" blieb gespannt: Die Frage nach angemessener Honorierung war Ende der 20er Jahre so aktuell wie heute.

Rundfunkpflicht gegen ,,Hungerhonorare"

,,Der Rundfunk als einzige Einrichtung auf dem Bildungsmarkt, der es ausgesprochen gut geht, hat die verdammte Pflicht und Schuldigkeit, sich nicht durch Hungerhonorare zu kompromittieren." So echauffierte sich der Rundfunkkritiker Fritz Ernst Bettauer 1930. Die Schriftsteller sahen sich als ,,Stiefkind des Rundfunks". Zu ihnen zählten auch Vorbilder vieler Journalisten-Generationen wie Egon Erwin Kisch und AlfredKerr. Zwar gab es die ,,Gesellschaft für Senderechte", einen Vorläufer der Gema, doch die überwachte nur die Honorierung, nicht die Angemessenheit.

Unstrittig wie der ,,Kulturauftrag" war, so interpretationsfähig war die Definition von ,,Kultur". In den 20er waren es Symphoniekonzerte, Ende der Weimarer Republik zählten einstündige Streitgespräche zwischen einem Kommunisten und einem Sozialdemokraten zur Unterhaltungskultur, in den 40er Jahren waren es wiederum Operettenmelodien ohne Wort-Charakter. Daß die Zensur allen Bemühungen freiheitlicher Gedanken 1932 bis 1945 ein Ende setzte, ist klar. Heute hat zuweilen die Musik gegen mit Zensurbestrebungen zu kämpfen als das Wort: wennbeispielsweise Musik der Berliner Band ,,Die Ärzte" oder von amerikanischen Rappern auf den Index kommt und nicht gespielt wird.

Ab 1933 änderte sich die Hauptfunktion des Radios zum Propaganda-Instrument. Die Kultur war am Ende, Bücher der vormals gesendeten Dichter wurden verbrannt. Als der Bombenkrieg Dresden und andere Städte heimsuchte, wurde wieder mit Heile Welt durch Ufa-Filme und Operettenmusik abgelenkt werden sollte. Der Konflikt um die Kulturhoheit wurde in dieser Epoche zugunsten des zentralen Reiches entschieden. Das Wort bekam anderes Gewicht, es wurde instrumentalisiert, von Information und Bildungsauftrag war keine Rede mehr. Das mußte die BBC aus London erst wieder einführen nach Ende des zweiten Weltkriegs.

Bildung und Zensur - immer wiederkehrend

Nach 1945 kamen wieder die Länder in die Hoheit des Kulturgutes Rundfunk und konnten die gleichgeschalteten Sender zu Landesfunkanstalten umbauen. In den Westzonen förderten die Alliierten diese Entwicklung hin zur Gründung der ARD-Anstalten, in der SBZ (später DDR) änderte die Sowjetische Militäradministration (Smad) die liberale Haltung schnell und orientierte sich an der diktatorischen Zentralanstalt. Und wie eine Generation zuvor wieder: Kultur- und Bildungsauftrag, Zensur, Propaganda.

Ost- und Westdeutschland waren politisch unterschiedlich, die Wirtschaftssysteme anders organisiert, also auch die Funktion des Rundfunks als hoheitliche Aufgabe der Länder in der BRD bzw. als zentrales Instrument in der DDR. Die Freiheit und Unabhängigkeit kehrte in den östlichen Teil Deutschlands erst 1990 zurück, als der DFF schleichend aufgelöst wurde. Der Streit um die Finanzen, die Debatten um den Grundversorgungsauftrag mit Bildungs- und Informationsprogramm, die Auseinandersetzung um Kultur versus Kommerz: all das ist kaum anders als vor 80 Jahren. In dieser Zeit hat sich das Radio einen festen Platz als wichtigstes Medium nebenbei und überall erobert, ist für Zielgruppen und Werbetreibende ausdifferenziert, führt nicht mehr zu großen Debatten und rauscht in Mitteldeutschland täglich im Durchschnitt 230 Minuten.

Thomas Wendel, 2.3.04

Rundfunk in Sachsen*

mdr

Hitradio Antenne Sachsen

Radio PRS

Energy Sachsen

rsa

Dresden Fernsehen

Nordsachsen TV

Mephisto 97,6

coloradio

*Auswahl

DD_Antenne_096dpi

Eingebaut: Die Mirag-Sendeantenne zwischen Kreuzkirche und Dresdner Rathaus

07Rundfunk

Abgebaut: Rundfunk der DDR in der Berliner Nalepastraße

06Funkhaus_gartenk

Umgebaut: Frühlingsidylle hinter dem Dresdner MDR--Landesfunkhaus (früher eine Kaserne)

mdr gebäudek

Neugebaut: Die MDR-Zentrale ein Leipzig