K35-0 

erscheint 2.4.2004

 

 

 
 

© DJV-Kurier 48, Dresden, 2004, Vervielfältigung oder Nachdruck nur mit Genehmigung der Redaktion

 

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Auswertung

2. Konferenz der Freien in Leipzig

Nischendasein oder Bauchladen

Einen Blick in die freiberufliche journalistische Zukunft wagten mehr als 70 Kolleginnen und Kollegen auf dem zweiten Treffen der Freien von vier Landesverbänden in Leipzig am 1. Tag des März. „Es wird eine gnadenlose Marktbereinigung stattfinden, da brauchen wir uns keine Illusionen zu machen. Es werden nur die Fotografen überleben, die gut organisiert und die Besten ihres Fachs sind“, blickte Bernd Lammel (Bundesfachausschuss Bildjournalisten) fünf Jahre voraus. Große Agenturen böten den Redaktionen täglich bis zu 4 000 Fotos an, zudem bevorzugten viele Redaktionen kostenfreie (PR-)Fotos, da habe es der freie Fotojournalist mehr als nur schwer, ein auskömmliches Einkommen zu erzielen. Lammel empfahl den vor ihm sitzenden Sachsen, Hessen, Sachsen-Anhaltern, und Thüringern sämtlichen „Ballast“ abzuwerfen, sich auf die eigenen Stärken zu besinnen und Partner zu suchen.

Das Bild, das Lammel insbesondere von der Fotobranche zeichnete, zeigte sich exemplarisch für den Zustand des Journalismus. Dabei sind die Erfahrungen, die freie Journalisten machen, mitunter durchwachsen. So konnte Dirk Ebert, Geschäftsführer von Blauberg media aus Erfurt durchaus Mut machendes berichten. „Vor drei Jahren gründeten wir unsere eigene Fernseh- und Filmproduktion, heute haben wir neben unserem Studio in Erfurt auch eines in Leipzig“. Neben einem Kernteam von fest angestellten Kollegen arbeitet Blauberg media mit einen Pool von Freien. „Heute sind wir so 12, 13 Leute, arbeiten für den MDR und Private Fernsehsender, machen zu 100 Prozent Auftragsarbeiten“, erklärte Ebert. Zwar sei man an einer festen Zusammenarbeit mit Freien interessiert, die ende allerdings dort, wo der Auftraggeber seine Beiträge personalisieren will. „Die Auftraggeber bestellen ihre Beiträge personalisiert und fordern bestimmte Autoren“, bilanzierte Ebert.

Einnahmequelle Internet

Seit 30 Jahren am Markt ist das Journalistenbüro Angelstein (Fulda). Martin Angelstein, der mit seiner Frau in den 70-ern im Fernsehen und Hörfunk startete, heute neben Arbeiten für

den HR Industriefilme und Videoproduktionen realisiert, will heute auf die Einnahmequelle

Internet nicht verzichten. „Das Internet ist für uns wichtig geworden. Wir bringen die ‚Hessen-News’ heraus und haben pro Woche 180 000 Zugriffe“, verdeutlichte Angelstein. Im Umfeld der Nachrichten lasse sich Werbung verkaufen. Zudem sei er damals in eine Region gegangen die - medial gesehen – unterversorgt war.

Ein anderes Geschäftsmodell betreibt Bettina Iduna Kieke (Berlin). Am Anfang ihres Schrittes in die freiberufliche Tätigkeit stand die Antwort auf die Frage: „Was kann ich am besten?“  Kollegin Kiekes Antwort: „Ich habe ich auf Unternehmenspublikationen spezialisiert. Das ist nach wie vor ein exzellentes Einstiegsgebiet für Leute mit journalistischer Qualifikation“. Man müsse nur den Punkt finden, der für die Unternehmen wichtig ist, um in der Öffentlichkeit wahr genommen zu werden. Die Mitgliedschaft in verschiedenen Wirtschaftsvereinigungen habe ihr zudem Kontakte beschert und manche Tür geöffnet.

Vielfalt neuer Produkte

Auch im Printbereich arbeitet Jens-Uwe Jahns (Magdeburg). Als bei der Magdeburger Volksstimme die Umstellung der Lokalredaktionen auf Agenturen anstand, griff Jahns zu. 2002 gründete er mit zwei Kollegen eine Agentur, die der Zeitung täglich Stadtteilseiten zuliefert und dafür ein festes Honorar erhält. „Innerhalb eines halben Jahres sind so viele Aufträge aus anderen Bereichen wie Mieterzeitungen hinzu gekommen, dass mittlerweile ein vierter Kollege Arbeit findet“, erläuterte Jahns. Zudem nutze man die Seiten für die Zeitung als Werbeplattform für die eigene Agentur und entwickele aus bestimmten Serien neue Produkte. So flossen Serien über das Leben in den Magdeburger Stadtteilen in eine Broschüre ein. 

Weniger optimistisch gab sich Friedrich Haun (Hessen). Mit fünf Foto-Kollegen gründete er Ende 2001 eine freie Agentur in der Region Kassel. „Wir wollten die Mitte Deutschlands besetzen. Nordhesse, Südniedersachsen, Westthüringen“, sagte Haun. Allerdings hätten die Tageszeitungen die Honorare so weit abgesenkt, dass davon kaum ein freier Fotojournalist leben könne.

Die Erfahrungen der Kollegen mit ihren unterschiedlichen Modellen gaben in den Pausen viel Stoff zum Diskutieren und zum Einbringen eigener Erfahrungen. Das nutzten die Teilnehmer reichlich, denn nach wie vor fühlen sich viele Freie als Einzelkämpfer.

Michael Hirschler, DJV-Referent für Freie, erinnerte in seinem Beitrag an die rechtlichen Fallstricke, die ein Freier umgehen müssen, um im rechtlichen Dickicht mit seiner Existenz nicht zu scheitern. Mitunter sei für das Wohl oder Wehe der neuen Existenz entscheidend, für welche Rechtsform (GbR, GmbH, Limited) sich der Journalist entscheide. Zudem laufe ohne Werbung in eigener Sache recht wenig. Wolfgang Kiesel (DJV-Landesvorsitzender Bremen) führte den Teilnehmern die Wichtigkeit des Marketings für ihren eigenen Unternehmenserfolg vor Augen: „Wenn die Antwort auf die Frage – Was will der Markt von mir? – lautet: ‚Nichts’, dann muss man über eine Umschulung zum Heilpraktiker nachdenken.“  Immerhin drängten pro Jahr fast 3 000 Absolventen von journalistischen Ausbildungseinrichtungen neu auf den schrumpfenden Markt. Kiesel ermunterte die Kolleginnen und Kollegen, sich nicht in eine fachliche Nische zu verkriechen, sondern mit thematischen Schwerpunkten ihren potentiellen Kunden Kompetenzen anzubieten. „Diese Entscheidung ist auch immer eine für oder gegen den Bauchladen, für oder gegen Scheinselbständigkeit, für oder gegen Selbstausbeutung“, so Kiesel. Erstaunlicherweise seien viele der bekannteren Journalisten der 20-er und 30-er Jahre nach heutiger Definition „Scheinselbstständige“ gewesen.

Weniger Kassenwarte

An dieser Stelle schloss sich der Kreis zu Dr. Jürgen Schlimper. Dieser hatte eingangs der Tagung seitens des Landesverbandes Sachsen die Teilnehmer der von vier Landesverbänden gemeinsam ausgerichteten Tagung begrüßt und daran erinnert, dass in Leipzig zu Zeiten der Weimarer Republik zahlreiche Publizisten arbeiteten, die täglich vor der Aufgabe standen, sich selbst zu vermarkten. An dieser Aufgabe  habe sich bis heute nur eines geändert:  Die damaligen Verleger verstanden sich in erster Linie als Publizisten und nicht als Kassenwarte.

Uwe Gajowski

Mehr zur Konferenz der Freien demnächst hier

schli

Dr. Jürgen Schlimper begrüßt die rund 70 Teilnehmer aus Hessen, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen in Leipzig          

21Konferenz Lammel

Bernd Lammel überzeugte mit seinem beitrag zur Bildvermarktung 

Rückblick

Erfurter Erklärung

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Konferenz der Freien