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erscheint  9.12.2003

 

 

 

© DJV-Kurier 47, Dresden, 2003, Vervielfältigung oder Nachdruck nur mit Genehmigung der Redaktion

 

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Steckt den Volontär ins Nikolauskostüm!

Plädoyer für mehr Experimentierfreude und Frechheit in den Lokalredaktionen

Von Günter Flott

Der Trübsinn herrscht in den Lokalredaktionen. Abgeschmackte Themen werden altbacken aufbereitet. Die Zeitungen scheinen nur noch als Fischeinwickelpapier zu Nutze; sind vielen Menschen dafür aber wiederum zu teuer.

Nach und nach droht der Kreativberuf Journalismus im Lokalen zu degenerieren. Nur die Journalisten selbst können diesen Trend stoppen und umkehren. Lokaljournalisten müssen frecher werden. Es gilt, nicht mehr nur die Angelegenheiten der Bürgermeister und Werbegemeinschaften nachkauen, sondern auch diesen Leuten eigene Fragen stellen. Fragen, die sich vor Ort aufdrängen, weil sie von den Lesern als wichtig empfunden werden. Kritik ist anzubringen, wo die Leser mit etwas unzufrieden sind, und wenn sie eine Sache als lächerlich empfinden, darf sie gerne durch den Kakao gezogen werden.

„Rotzfrech – wider die organisierte Langeweile in der Lokalredaktion“ – der provozierende Titel hat gewirkt. Das Seminar der Bundeszentrale für politische Bildung hat fast 40 Journalisten  aus dem ganzen Bundesgebiet – auch einige Sachsen waren darunter - ins schwäbische Augsburg gelockt. Die Leute hätten sich förmlich um die Plätze geprügelt, freut sich der Seminarorganisator Berthold Flöper. Gut und gerne hätte er zwei Seminare fahren können. Ein gutes Zeichen, denn Selbsterkenntnis ist der erste Weg zur Besserung.

Da waren sie nun in einer fremden Stadt, mussten in Arbeitsgruppen mit bisher unbekannten Kollegen über Themen, deren Recherche und Aufbereitung diskutieren.

Weihnachten ist so ein Thema. Eine der Arbeitsgruppen hat ein fiktives Interview mit einer Weihnachtsgans auf die Agenda gehoben. Und weil Kontinuität ein Nachrichtenfaktor ist, wird gleich die Rettung dieser Gans als Kampagne hinterher geschoben. Die Leser haben es in der Hand: „Senden Sie ihre leckersten Rezepte für ein fleischloses Weihnachten!“ Noch ein Thema gefällig? Man nehme einen Volontär, stecke ihn in ein Weihnachtsmann-Kostüm und schicke ihn über den Weihnachtsmarkt. Oder gleich mit einem erfahrenen „Kollegen“ zu den Kindern in die Familien. Wie könnte man näher an die Befindlichkeiten eines Nikolaus kommen. Eine durch und durch intime Story!

Man muss die Lokaljournalisten nur einmal aus ihren Alltag reißen – schon sprudeln sie über vor Ideen. „Journalisten erstickten in Routine,“ sagt Berthold Flößer, „sie arbeiten kommunalpolitische Thema einfach ab." Stadtratsitzungen, Betriebsjubiläen, Pressekonferenzen. Tausendmal erlebt, tausendmal teilgenommen – es schreibt sich wie von selbst. Nur lesen mag es keiner – tausendmal gehört.

"Wir haben gelernt, dass frech nicht unbedingt frech heißt.  Dass man das einfach tut, was man sich traut.“ Ein gestandener Lokalredakteur stellte das fest. Verblüfft war er über seinen eigenen Worte, hat er doch gar einfache Sachen gesagt. Volontäre haben es manchmal leichter. Wer aus dem Bergischen Land ins tiefste Oberbayern kommt ist orts- und auch kulturfremd. Was eine Leonardifahrt ist, weiß man da noch nicht. So beschrieb die junge Kollegin einfach das, was sie gesehen hat: Ein Umzug mit vielen Pferdewägen, traditionell geschmückt und mit viel Alkohol ausgestattet. Die Damen im Dirndl hatten die Fläschchen unter ihren ausladenden Gewändern versteckt. Der Artikel wurde veröffentlicht; in Leserbriefen wurde die „Südschwedin“ danach herzlich gegrüßt. Ein anderer Kollege hat ähnlich über ein solches Ereignis berichtet. Seine Redaktion verzichtete auf eine Veröffentlichung. Vielleicht war es ein Vertreter dieser Lokalzeitung, der zu dem Medientrainer Peter Linden einst gesagt hat: „Wir können unsere Glossen nicht zu lustig schreiben, denn unsere Leser verstehen keinen Spaß.“ Linden will nicht glauben, dass sich ganze Landstriche das Lachen abgewöhnt hätten. Wahrscheinlicher ist: Die Journalisten trauen sich nicht, der Obrigkeit mit Witz und Ironie ans Bein zu pinkeln.

Dabei ist diese Feigheit offenbar unbegründet. Wolfgang Öchsner, Lokalchef der Main-Post in Kitzingen, ist bestrebt, eine freche Lokalzeitung zu machen. Seit 32 Jahren ist er im Geschäft. Einige Hunde hat er zum bellen gebracht, weil er sie journalistisch getreten hat. Selten wurde aber gebissen. Die sechs Gegendarstellungen stehen allerdings in keinem Verhältnis zu den Lesern, die er  durch seine Berichterstattung gewonnen und gehalten hat. Und selbst die Angegriffenen bleiben auf lange Sicht ihren Abos treu. Die Drohungen („ich bestelle Ihr Revolverblatt ab!“) machten sie – wenn überhaupt – immer nur kurz wahr. Denn, so Öchsner, „sie sind viel zu eitel, “ um zu lange von der Berichterstattung über ihre Person abgekoppelt zu sein.

 

Rotz frech!

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Frechheit siegt – oder der Anwalt?

Interview mit Dorothee Bölke, Rechtsanwältin, Dozentin, von 1987 – 1991 Geschäftsführerin des Deutschen Presserates, 1991 – 1999 Justiziarin im Spiegel-Verlag

Frau Bölke, darf Satire alles?

Satire darf nicht alles. Sie genießt zwar die Kunstfreiheit und dadurch einen großen Freiraum zu gestalten, aber Satire darf nicht schmähen.

Schmähen - woran macht man das fest?

Man schmäht jemanden, wenn man in so kritisiert, dass nur noch die Absicht deutlich wird, ihn verletzen zu wollen. Es geht dann nicht mehr darum,  sich kritisch mit einem Sachverhalt oder einem Verhalten auseinander zu setzen.

Es ist immer auch eine Frage des Einzelfalles, was es für den Journalisten bei der Produktion schwierig macht: Schmähe ich schon oder bin ich nur am Rande der Kunstfreiheit?

Das ist die Gratwanderung bei der Satire. Beim Boulevardjournalismus werden gerne Themen, die unter die Haut gehen, behandelt. Stichwort: Mädchenmord. Der tz-Chefredakteur hätte keine Probleme einen mutmaßlichen Mädchenmörder als „Die Blutbestie von Bogenhausen“ zu beschreiben – wenn die Indizien darauf hinweisen, dass er es war.

Bei allem Verständnis für Boulevardjournalismus und dass sich eine Zeitung auch über die Schlagzeile verkaufen muss: Eine Schlagzeile darf verkürzen und einen Sachverhalt plakativ benennen. Was sie nicht darf ist: Vorverurteilen. Hier gelten ganz klare handwerkliche Regeln, die auch die Rechtsprechung sehen möchte. Es darf keine Vorverurteilung geben, solange ein Täter unter Verdacht steht. Das wird sehr streng gehandhabt. Man darf ihn nicht „Mörder“ nennen. Man darf ihn in der Schlagzeile nicht zum überführten Tätern machen.

Wo kann ein Journalist überprüfen, wie weit er gehen darf?

Er sollte erst einmal mit seinen Hausmitteln klarkommen. Er muss sich bewusst machen, welchen Sachverhalt er hat: Welche Opfer gibt es zu bedenken? Davon hängt auch die Art der Darstellung ab. Um welches Thema geht es? Geht es um eine Kindstötung, geht es um einen Mordverdacht? Solche Themen kann ich nicht mit lockerer Sprache behandeln.

Auf der anderen Seite ist der Journalist sehr frei ist in der Wahl seiner Worte, um Politikerverhalten kritisch zu werten. Hier darf er auch einmal heftig formulieren ohne dass sich der Politiker beleidigt fühlen muss.

Wenn ich jetzt hier nicht erkennbar als Journalist vor ihnen stehen wurde, zum Beispiel mit Ihnen telefonieren und dabei das Gespräch mitschneiden würde - ohne ihr Wissen. Dürfte ich es als Interview veröffentlichen?

Sie dürfen ein Gespräch nicht aufzeichnen, sie dürfen es auch nicht belauschen, weil die Rechtsprechung mich in meinem Persönlichkeitsrecht darin schützt, dass ich wissen muss, mit wem ich spreche und wer wie mit meinem gesprochenen Wort umgeht. Wenn das jetzt jemand ist, der es ohne mein Wissen und Wollen in die Öffentlichkeit tragen möchte, verletzt er mich in meinem Persönlichkeitsrecht.

Das Gespräch führte Günter Flott.