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Den „journalistischen Handlangern“ und „Stümpern“ ohne Ausbildung müsse endlich das Handwerk gelegt werden, forderte erbost der Vorsitzende des „Vereins Deutscher Redakteure“, Richard Wrede. Die „ungenügend gebildeten Elemente“ dürften nicht länger geduldet werden. „Die Thatsache, dass ein junger Mann auf der Schule einen guten Aufsatz geschrieben hat, beweist noch lange nicht, dass er darum gleich brauchbare Zeitungsnotizen schreiben kann.“ Weil sich viele nur der Journalistik widmeten, um „rasch Geld zu verdienen“, sei es um die Nachrichten nicht zum Besten bestellt: „Leider wird die Feinheit und Sorgfalt in der Ausarbeitung selbst der kleinsten Notizen bei uns in Deutschland nicht sonderlich hoch bewertet.“ Andere Nationen seien weit überlegen. „Das liegt auch daran, dass viele Journalisten nicht ausgebildet sind.“ Wredes Urteil stammt aus dem Jahr - 1902. Wie sieht es 100 Jahre später aus? Nicht viel anders! Das zeigt eine Umfrage unter Nachrichtenexperten:
Lebenslang Nachrichten lernen
„Viele Journalisten denken, das Nachrichtenschreiben sei ihnen in die Wiege gelegt worden“, meint der Nachrichtenchef von MDR INFO, Frank Biehl. „Wenn ich mir aber die Nachrichten der angeblichen Naturtalente ansehe, dann ist das oft jämmerlich.“ Es mangele nicht nur an Grundkenntnissen über Aufbau und Auswahl. Schon die deutsche Sprache bereite Schwierigkeiten.
Der AP-Auslandschef Peter Zschunke kommt zu dem Schluss: „Nachrichten zu schreiben, das ist die vielleicht am meisten unterschätzte journalistische Tätigkeit: Erst wenn man tiefer in Syntax und Semantik eintaucht, merkt man, wie viel man noch zusätzlich an Informationswert, Objektivität und Verständlichkeit gewinnen kann.“ Nachrichtentraining sei nicht nur eine Aufgabe für Berufsanfänger: „Nachrichten sind das Hauptfach im lebenslangen journalistischen Lernen.“
Der Herausgeber der Lehrbuch-Reihe „Journalistische Praxis“, Walther von La Roche, räumt der Nachricht in seiner „Einführung in den praktischen Journalismus“ den meisten Platz ein: „An der Nachricht lassen sich am deutlichsten jene Grundsätze und Handwerksregeln herausarbeiten und üben, die für den Journalismus insgesamt gelten“. La Roche meint: „Das Bemühen um Richtigkeit und Verständlichkeit, das man beim Nachrichtenschreiben trainiert, kennzeichnet guten Journalismus in jeder Darstellungsform.“
„Stümpereien“, grobe Schnitzer und kleine Fehler, kann der Leser, Hörer und Zuschauer in den Nachrichten jeden Tag erleben. Einige Beispiele:
„Sei“ oder „ist“ gesperrt?
„Wie die Polizei mitteilte, ist die Autobahn gesperrt“, meldete das Radio. Oder muss es heißen „sei“ gesperrt? Natürlich nicht. Aber warum? Es handelt sich um eine Tatsachenaussage mit Quellenangabe. Heißt es im September diesen oder dieses Jahres? Was stimmt nicht, wenn ein Nachrichtenredakteur schreibt: „10 Menschen wurden teilweise schwer verletzt?“ Und wen hat eigentlich der Zahnlückenmörder umgebracht? Fragen, auf die Nachrichtenredakteure Antworten haben sollten.
„Antrag auf Durchführung“
„Die Landesregierung von Sachsen-Anhalt hat in der heutigen Kabinettssitzung den Antrag auf Durchführung des Volksbegehrens des Bündnisses „Für ein kinder- und jugendfreundliches Sachsen-Anhalt“ nach eingehender Beratung trotz erheblicher rechtlicher Bedenken angenommen.“ Der erste Satz einer Nachricht, der das Wichtigste auf den Punkt bringt? Wohl kaum. Eher ein Ungetüm aus der Feder eines Bürokraten. 25 Wörter zwischen den beiden Verbteilen! Besser wäre: „Das Bündnis `Für ein kinder- und jugendfreundliches Sachsen-Anhalt’ kann sein Volksbegehren starten. Das hat heute die Landesregierung beschlossen.“
Glauben oder wissen?
„Bundeskanzler Schröder rechnet mit Zustimmung der Opposition.“ Rechnet er damit oder sagt er nur, dass damit rechnet? Der Redakteur verkauft hier Meinungen als Fakten. „Beobachter glauben nicht, dass Merkel die Wogen glätten kann.“ Ein lupenreiner Kommentar. „Comment is free, but facts are sacred“ forderte 1921 der Chef des „Manchester Guardian“. 80 Jahre später gilt die Trennung von Nachricht und Meinung zwar als Grundgesetz der Nachricht. Allerdings gibt es jeden Tag viele Gesetzesbrecher.
Nichts für geborene Dummköpfe
Übrigens: Der oben zitierte Richard Wrede war auch Leiter der Berliner Journalisten-Hochschule und deshalb sehr an der Ausbildung interessiert. Den „jungen Herren“ machte er Mut. Es sei selbstverständlich, dass „einem geborenen Dummkopf die Fähigkeit zu redigieren“ nicht beigebracht werden könne. Aber „das schnelle und sichere Urteil, die Fähigkeit, das Wesentliche zu erkennen, das stilistische Feingefühl, für alle Ausführungen den rechten Ton und die passende Form zu finden, das sind Fähigkeiten, die wohl anzuerziehen sind.“
Dietz Schwiesau Chef Nachrichten/ Zeitgeschehen MDR 1 Radio Sachsen-Anhalt |