K35-0 

erscheint  9.12.2003

 

 

 

© DJV-Kurier 47, Dresden, 2003, Vervielfältigung oder Nachdruck nur mit Genehmigung der Redaktion

 

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Gekonnt kontern

Jeder kennt die Momente, in denen man mit Spitzzüngigkeit, Ungerechtigkeit, übertriebener Kritik, Ironie und Sarkasmus, Ignoranz oder unfairen Angriffen konfrontiert wird.

Zu oft fehlen uns in den Situationen einfach die Worte, um darauf angemessen zu reagieren. Statt dessen sind wir verärgert, verletzt, wütend oder defensiv und traurig.

Manchmal fällt uns dann später ein toller Satz ein, mit dem wir wirkungsvoll hätten parieren können. Später eben, zu spät für dieses Mal.

Schlagfertiger müsste man sein!

Aber was ist eigentlich Schlagfertigkeit?

Schlagfertigkeit ist keine moderne Kampfrhetorik. Sie hat weder etwas mit „Schlagen“ noch mit „fertig machen“ zu tun, es geht nicht darum jemanden „mundtot zu machen“ oder bösartig zurückzuschlagen.

Schlagfertigkeit im hier besprochenen Sinne ist vielmehr die Fähigkeit, komplizierte Situationen charmant zu entspannen, unfaire Angriffe entwaffnend abzuwehren, überraschende und treffende Argumente zu finden, humorvoll kreativ „um die Ecke zu denken“, auch einmal Unangenehmes gekonnt zu überspielen, eben souverän und entwaffnend zu reagieren.

Treffsichere Floskeln und Phrasen für typische Situationen in der Schublade zu haben, ist hilfreich. Aber was wenn die Situation nicht zu dem vorhandenen Antwort-Vorrat passt? Dann ist Flexibilität gefragt. Schlagfertigkeit in der Kommunikation lässt sich glücklicherweise üben und erlernen. Und je größer der „Schubladen“-Vorrat wird, um so häufiger und schneller hat man passendes parat.

Gute Methoden zu Erlangung von Schlagfertigkeit sind bspw.:

- Gespräche gut vorbereiten, um dann im Ernstfall schnell reagieren zu können (Einwände

und Zwischenfragen vorwegdenken – Einwandarchiv auf Karteikarte anlegen!)

- spontanes freies Assoziieren im Alltag üben (Verknüpfungen und Metaphern bilden – z.B. „Wer den Kopf in den Sand steckt, knirscht später mit den Zähnen.)

- Diskussionen und Auseinandersetzungen (z.B. Talkshows) aufmerksam mitverfolgen und eigene Antwortvarianten erfinden.

Schlagfertigkeit basiert immer auf Souveränität. Eine positive Einstellung zur Situation (Lächeln als eleganteste Art jemandem die Zähne zu zeigen!), ein offener und sicherer Blickkontakt (nicht aggressiv „anstarren“), stimmliche Präsenz (langsam, in normaler Lautstärke und eher tieferer Tonlage sprechen), persönliche Ausstrahlungskraft (z.B. aufrechte, natürliche Körperhaltung) und eine gewisse emotionale Unempfindlichkeit (Fokus nicht auf den Angriff, sondern auf die eigene Antwort lenken) erscheinen als Grundlage für wirksame Schlagfertigkeit unerlässlich. (Die treffendste Anmerkung verpufft, wenn sie mit hochrotem Kopf und zittriger Stimme vorgetragen wird.)

Persönliche Kompetenzen, wie schnelles Denkvermögen, gute Wahrnehmungsfähigkeit, Wissen Sprachkompetenz und logisches Denken gehören ebenso dazu, wie Phantasie, Lockerheit, Humor, Takt, Fähigkeit zum assoziativen Denken und zum Denken von der Gegenseite her, Konzentration, Spaß am Wortspiel und Improvisationstalent treten hinzu.

Welche Methoden gibt es, schlagfertig zu reagieren?

Einige sollen hier exemplarisch genannt sein:
- bedingte Zustimmung mit Korrektur („ich gebe ihnen grundsätzlich recht, nur unter dem hier genannten Aspekt…“)

- volle Zustimmung („stimmt genau“ , wirksam, weil irritierend z.B. bei „Berufspessimisten“)

- übertriebene Zustimmung (z.B. „Du weist immer alles besser“ - „Ja, selbst das weis ich schon“)

- falsche Wissensätzen („genauso ist es“….“und Eisbären leben in Afrika“)

- Paradoxien (für Störer: „…dank ihrer stets wertvolle Diskussionsbeiträge werden wir das Problem ganz schnell und leicht lösen“.)

- härterer Gegenschlag auf Angriffe („Sie sagen uns nicht die volle Wahrheit.“ - „Das würden sie auch nicht vertragen.“)

- Den Doofen spielen (z.B. bei Wichtigtuern: „Ich komme gerade aus Australien.“ - „Oh toll, haben sie auch Cola-Bären gesehen?“)

- absichtlich missverstehen (Fremdwörter verwechseln, Mehrdeutigkeit von Worten nutzen z.B. „Wie kompensieren sie ihre mangelnden Kenntnisse?“ - „Aber ich will doch gar nicht komponieren…“)

- Mit gleicher Münze heimzahlen (Angriff stoppen: „Sie sind eine Marionette!“ - „Und sie ärgert es offenbar am meisten, dass sie die Fäden nicht ziehen können.“)

- Schweigen (zuweilen ebenso wirksam wie ein harter Konter, verwirrt den Angreifer und verschafft Zeit, um die geeignete Entgegnung zu finden.)

Bei allen Varianten des Konterns wichtig: Augenkontakt zu seinem Gegenüber herstellen, diesen jedoch rechtzeitig vor dem Ende der Entgegnung beenden. So signalisieren Sie Sicherheit und vermeiden gleichzeitig, dass der andere sich zum Duell herausgefordert fühlt.

Bei der Wahl der Mittel gilt es stets die Situation das jeweiligen Ziel im Auge zu behalten. Ein Rededuell zu gewinnen muss noch nicht heißen, auch das angestrebte Sachziel zu erreichen… - wer will schon zu denen gehören, die den ganzen Tag mit dem Hammer um sich schlagen und jedes mal glauben, den Nagel auf den Kopf zu treffen.

Barbara Rauthe                                                                                         (frühere Artikel)