K35-0 

erscheint  9.12.2003

 

 

 

© DJV-Kurier 47, Dresden, 2003, Vervielfältigung oder Nachdruck nur mit Genehmigung der Redaktion

 

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DJV-Verbandstag in Wiesbaden:

Veränderungen in der Verbandsarbeit haben begonnen

Wiesbaden - Unser Verbandstag des Jahrgangs 2003 ist Zukunft, muss Zukunft sein. Nicht Geschichte. Es wird drastische Veränderungen geben, von denen sich die Gewerkschaft der Journalistinnen und Journalisten nicht ausnehmen kann. Das verdeutlichte die Aussprache der knapp 300 Delegierten im fürstlichen Festsaal des Wiesbadener Kurhauses und in den Arbeitsgruppen ganz enorm. Wandel in unserem Beruf, rasante Entwicklung der Medien - sicher Schlagworte, aber dieser bereits wirkende Umbruch tendiert zunehmend in eine Richtung, "wo der Journalist alter Prägung immer seltener gefragt ist". Sparen und auslagern, was das Zeug hält, Medienprodukte reduzieren oder einstellen, Personal abbauen und Dumpinghonorare vor allem für Freie bestimmen den "Wettbewerb".

Was bleibt ? Die Zahl der arbeitslosen Kolleginnen und Kollegen hat die Achttausender-Grenze erreicht. Im Bergsport würden sich die Akteure über ihren Gipfelerfolg auf dieser Höhe freuen, aber hier geht es um 8.000 Journalistinnen und Journalisten, um Schicksale. Allein in den Zeitungs- und Zeitschriftenverlagen wurden in der letzten Zeit 14 Prozent der Arbeitsplätze gestrichen. Als nahezu aussichtslos erweist sich der Überlebenskampf hunderter freier Journalisten, die oft nur kurze Zeit ins Ungewisse schwimmen und nicht landen können. Die Sorgen um deren Familien werden täglich größer. Nicht aus heiterem Himmel "gedachte" deshalb das Verbands-Gremium kurz vor Tagungsende der Erwerbslosen mit einer Schweigeminute.

Was bleibt ? Natürlich leidet die journalistische Qualität, und das beträchtlich. Die Leserinnen und Leser beschweren sich nicht nur über massenhaft Fehler. Hat mit dem bekannten "Druckfehler-Teufelchen" nichts zu tun. Aber wie soll sich das ändern, wenn Redakteurinnen und Redakteure zum Termin-Raser werden, kaum Zeit zum Schreiben bleibt, geschweige für die Recherche, oder gar einem - heute mehr denn je notwendig erscheinenden - Korrekturlesen ? Nur ein Aspekt für journalistische Qualität.

Was wird ? Mittendrin im gigantischen Umwälzprozeß, in dieser Zeit wo nichts mehr normal ist, unser Berufsverband und Gewerkschaft mit  41.000 Mitgliedern auf der Suche nach möglichen Lösungen. Werden welche gefunden ? Wohl schwer, aber der 54. Verbandstag in Hessens Hauptstadt machte ein wenig Hoffnungen. Wenn nicht die Kahlschlagpolitik abgewehrt werden kann, "finden wir uns in einem anderen Beruf wieder", hieß es zu Tagungsbeginn. Denn qualifizierte Redakteurinnen und Redakteure könnten bald als "schreibende und fotografierende Sachbearbeiter oder Verlagsangestellte für Texte und Bilder" tätig sein. Das alles ist ein Generalangriff auf unseren Journalistenberuf.

Was wird ? Die Verjüngung des tätigen Berufsstandes geht nur äußerst langsam voran. Denn den jungen Kolleginnen und Kollegen, deren Berufsstart in klassische Medien oft unmöglich ist, müssen nach artverwandten Tätigkeiten suchen. So komme schon jetzt auf einen Redakteur ein PR-Kollege, belegen Statistiker. Ein Abbild dieser Entwicklung war erneut auch unser Verbandstag. Die jungen Schreiber, Sprecher und Fotoreporter - Verbandsmitglieder - haben es nicht leicht, sich durchzusetzen, sich Gehör zu verschaffen, Neues einzubringen, von alteingefahrenen Gleisen wechseln zu können. Oft relativ neu zu einem solchen Kongreß verschenken sie bei ihrer Wortmeldung ihren eigentlichen "Jugend-Bonus" und schlagen sich selbst die Beine weg, durch "alles sagen und richtig erklären" zu wollen im Endlos-Erzählen. So  Eleve Clemens Schöll vom Landesverband Berlin, der als Beisitzer für den Bundesvorstand kandidierte - und vorbeischoß. Seine durchaus nützlichen Gedanken brachte er später in der Arbeitsgruppe Innerverbandliches mit "knackigen" Sätzen zum Ausdruck. Schade um die vertane Gelegenheit. Allerdings gehörte unserer Verbandstags-"Mannschaft" von rund einem Dutzend Delegierten mit Ine Dippmann auch nur eine  "blut"junge Kollegin an... . Wir waren schon einmal ein gutes Stück der Verjüngung vorangekommen, einige wollten "mitmischen", aber zogen sich leider wieder zurück. Rhetoriker setzten sich eher durch, leider auch gegenüber der Brandenburger Kollegin Jacqueline Bleinagel, die sich kurzfristig entschloß, als Beisitzerin zu kandidieren. Sie hatte couragiert eine Unterschrift zu Honorarkürzungen bei ihrer Zeitung verweigert, was heutzutage schon etwas heißen will. Ein wertvolles, da meßbares Resultat ihrer gewerkschaftlichen Mitbestimmung.  

Was bleibt und was wird ? Solidarität und Souveränität waren Worte, die auf unserem von den hessischen Gastgebern exzeptionell ausgerichteten Verbandstag auch zu hören waren. Solidarisch zeigten sich die Baden-Württemberger ja bereits im Herbst 1989, als sie als erste uns Sachsen noch vor der DJV-Zugehörigkeit schon kräftig unterstützten und heute sind wir alle solidarisch nicht nur mit der russischen Berufskollegin Olga Kitowa, die den DJV-Preis der Pressefreiheit erhielt (siehe Kasten). Auch souverän ist unsere Gewerkschaft und blos gut, dass sie es trotz Fusionsbestrebungen blieb. Dazu haben wir uns vor einigen Jahren souverän entschieden, denn so sind die Chancen größer, für die Mitglieder gegenüber den Arbeitgebern etwas zu erreichen. Souveränität bewiesen wir Delegierten auch, als für den letzten Beratungstag der Ministerpräsident der Hausherren angekündigt wurde: Bitte tragen Sie sichtbar Ihren Tagungs-Anstecker. Sie werden kontrolliert. Von Beifall begleitet protestierten Delegierte vehement gegen eine Kontrolle der Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter. Das passte so ein bisschen zu den Fahnen vor der Kongreßstätte, die seitenverkehrt im Herbstwind flatterten. Aber letztlich schauten wir doch optimistisch voraus: Die niedersächsische "Mannschaft" lud zum 55. Verbandstag 2004 nach Hannover ein.                                          

Klaus Wilk         

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Olga Kitowa konnte Preis der Pressefreiheit nicht selbst entgegennehmen

Wiesbaden - Sichtlich bewegt und mit großer Aufmerksamkeit hörten die Delegierten und Gäste des Verbandstages die aufrüttelnden und Dankesworte unserer russischen Berufskollegin Olga Kitowa, die sie anläßlich der Verleihung des DJV-Preis der Pressefreiheit an sie über eine große Leinwand aus Moskau sprach. Sie erhielt ihn für ihre mutige, objektive und engagierte Berichterstattung gegen Korruption und Justizwillkür in ihrem Land. Mehrmals berichtete Olga Kitowa über Machenschaften, dunkle Geschäfte und kommunalpolitische Mauscheleien in der südrussischen Stadt Belgograd, in die auch der Gebietsgouverneur verstrickt sein soll.

Durch ihre beispielhafte Arbeit selbst Opfer staatlicher Repressalien konnte sie leider nicht bei der Preisverleihung im Festzelt in Wiesbaden dabeisein, denn die Behörden haben ihren Reisepass einbehalten und ihr keine Ausreisegenehmigung erteilt, obwohl sich der Bundesvorstand darum bemühte. Deshalb war die 49-jährige Journlistin vom ARD-Studio in der russischen Hauptstadt der Feierstunde zugeschaltet und schilderte welche Auswirkungen ihre aufdeckenden Beiträge haben. Übelste Drohungen führten dazu, dass Vertraute ihr rieten, Belgograd zu verlassen und in Moskau weiter zu arbeiten. Die Situation der Pressefreiheit ist in Russland nicht gegeben, wie ihr Beispiel zeigt. In einer Resolution forderte der Verbandstag die Bundesregierung auf, sich bei der Regierung der Russischen Föderation dafür einzusetzen, dass der Journalistin Olga Kitowa unverzüglich die Freiheitsrechte gewährt werden. Einmütig und mit viel Beifall nahm das Gremium diese Resolution an.

Die Delegierten aller DJV-Landesverbände machten der tapferen Frau mit minutenlangem Applaus Mut für ihre künftige Tätigkeit. Olga Kitowa wird den Pressefreiheits-Preis bald in Moskau entgegennehmen. Unser Berufsverband vergibt den mit 7.500 Euro dotierten DJV-Preis der Pressefreiheit alle zwei Jahre. Erster Preisträger war 2001 der serbische Journalist Miroslav Filipovic.                                                               

Votum für die Öffentlich-Rechtlichen – Entscheidung gegen die Zeitungen?

Anmerkungen zur Rede eines Ministerpräsidenten und zu einer Resolution

Bekanntlich hat der Verbandstag eine Resolution unseres Landesverbandes angenommen. In der werden die Länderparlamente aufgefordert, geplanten Beschränkungen für die öffentlich-rechtlichen Mediendienste die Zustimmung zu verweigern.

Kurz nach der Abstimmung sprach auf dem Verbandstag auch Hessens Ministerpräsident zum gleichen Problem, wobei er sich allein auf die Online-Angebote bezog. (Im entsprechenden Entwurf des Staatsvertrages ist aber immer weitergehend von Mediendiensten allgemein die Rede.) Nach seiner Darstellung geht es den Ministerpräsidenten bei der geplanten Beschränkung nur um die Sicherung der Zukunft für die Zeitungen. Allein der Berliner Senat teilt bei den Mediendiensten absolut die  Position des DJV und fordert den Ausbau der Mediendienste.

Koch meint zwar, dass niemand heute genau voraussehen könne, in welche Richtung sich die Entwicklung bei den Medien in den nächsten Jahren vollziehen werde. Den Öffentlich-Rechtlichen bliebe aber – so ist Koch fest überzeugt – der bisherige Ausspielweg erhalten. Die Zeitungen müssten dagegen nach neuen Verbreitungswegen suchen. Angesichts der Netzkommunikation und eines geänderten Nutzerverhaltens seien sie in Zukunft auf das Internet zur Verbreitung ihrer Inhalte angewiesen. Einer Konkurrenz durch die Öffentlich-Rechtlichen im Netz seien sie finanziell nicht gewachsen.

Hat der DJV sich angesichts dieser Argumentation mit seiner Verbandstagsresolution gegen die Zukunft der Presse entschieden? Liegt unsere Resolution damit nur im Interesse eines Teils der Mitgliedschaft und gefährdet zugleich die Zukunftsaussichten anderer Mitglieder?

Wohl kaum. Koch ist allerdings beizupflichten, dass heute tatsächlich niemand im Detail den Werdegang der Medienwelt prognostizieren kann.

Mit der Resolution hat sich der DJV erneut zur Entwicklungsgarantie für die Öffentlich-Rechtlichen bekannt. Eben weil heute niemand sagen kann, wie die tradierten Medien in einigen Jahren aussehen werden, muss der öffentlich-rechtliche Rundfunk an der technischen Entwicklung teilnehmen.

Es gehört wenig prophetische Gabe dazu, wenn man heute davon ausgeht, dass es einen Annäherungsprozess zwischen dem bisher üblichen Fernsehen und Radio sowie den Online-Angeboten geben wird. Die Ausspielwege werden sich dabei ändern. Wird den Öffentlich-Rechtlichen die Möglichkeit genommen, sich an diesem Prozess ähnlich wie der private Rundfunk zu beteiligen, nimmt das ganze duale System Schaden.

Dazu kommt, dass gerade Jüngere verbreitet und vorrangig Online-Medien zur Information, Bildung und Unterhaltung nutzen. Sie schalten dafür aber weniger Radio und Fernsehen ein. Dürfen die Öffentlich-Rechtlichen ihre Informations-, Bildungs- und Unterhaltungsangebote nicht netzgerecht an diese Generation herantragen, sinkt zwangsläufig die Akzeptanz des dualen Systems bei der jüngeren Generation. Was das mittelfristig für das ganze duale System bedeuten kann, liegt auf der Hand.

Die Pläne der Minsterpräsidenten laufen darauf hinaus, das Netz den Privaten – Zeitung und Rundfunk – vorzubehalten. Bislang haben die Öffentlich-Rechtlichen gerade in puncto Information und Beitrag zur öffentlichen Meinungsbildung auch im Netz qualitativ Maßstäbe gesetzt. Davon haben nicht nur die Online-Nutzer profitiert. Auch die Online-Kollegen privater Anbieter hatten somit gute Argumente zur Hand, um für die Arbeit an den eigenen Online-Auftritten ebenfalls entsprechende Qualitätsstandards gegenüber den Verlegern einzufordern. Diese Argumente würden aber immer schwächer, wenn es diese Qualitätskonkurrenz nicht mehr gäbe.

Dass der Entwurf des 7. Rundfunkänderungsstaatsvertrages wenig durchdacht ist, zeigt sich noch an einer anderen Stelle: Koch argumentiert wie seine Kollegen immer mit den Online-Angeboten. Bislang spricht nichts dafür, dass den für die Ausarbeitung des Gesetzestextes zuständigen Staatskanzleien überhaupt aufgegangen ist, dass sie gleich noch dem Teletext – ebenfalls ein Mediendienst – Fesseln anlegen wollen. Sollen auch dadurch die Zeitungen „geschützt“ werden?

Dr. Jürgen Schlimper