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Leipzigs Medienszene scheint im Aufwind: nach dem erfolgreich durchgeführten Medientreffpunkt Mitteldeutschland im Mai mit mehr als 1000 Teilnehmern gab es diesen Sommer auch für hiesige Medien überregionale Anerkennung. Neben dem internationalen vergebenen Design-Oskar für das MDR-Nachrichtenmagazin exakt erhielt die Leipziger Volkszeitung den renommierten Lokaljournalistenpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung.
Im Dezember ist es soweit. Hartwig Hochstein geht in den Ruhestand und übergibt nach 12 Jahren die Chefredaktion der Leipziger Volkszeitung an seinen designierten Nachfolger Bernd Hilder. Was Hochstein hier in Leipzig aufgebaut hat, macht ihn stolz. Aus dem ehemaligen Parteiorgan der SED-Bezirksleitung entwickelte sich die LVZ unter seiner Regie zu einer „lokal ausgerichteten Regionalzeitung mit überregionalem Anspruch und Ansehen“. Gern führt Hochstein den Fakt ins Feld, dass die LVZ zu den meist zitiertesten Zeitungen in Deutschland zählt. Doch das Aushängeschild der Zeitung ist für ihn der Lokalteil - mit ihm spricht er die Leser direkt an. Und die Reaktion der Leserschaft ist direkter Gradmesser der Qualität der geleisteten Arbeit.
Dass die Leipziger Redaktion ihr Handwerk versteht, wurde ihr schon mehrfach bestätigt. Beim Wettbewerb der Adenauer-Stiftung war es erst ein Sonderpreis, dann 1998 der zweite Preis. Der bisherige Höhepunkt für Lokalchef Thomas Seidler war allerdings die Aktion „Sinnlos-Ampel“, die vor einigen Jahren gestartet wurde. Nicht nur die Redakteure der LVZ, sondern auch Hunderte von Lesern störten sich an den langen Rotphasen und teilweise absurden Ampelschaltungen im Stadtgebiet. Ergebnis war quasi eine komplette Überprüfung und Überarbeitung des bestehenden Verkehrsleitsystems der Stadt. Lokaljournalismus, der bewegt.
Warum? – Eine Kinderfrage erobert die Jury
Der Anstoss zur diesjährig prämierten Serie kam aber eher zufällig: der Chefredakteur hatte Freunde zu Besuch in der Stadt, führte sie herum, zeigte ihnen, was man von Leipzig gesehen haben muss. Doch oft sieht der Fremde mehr und fragt ...warum? Eine typische Kinderfrage und doch ist sie am schwierigsten zu beantworten. Denn man muss erst selber nachdenken, nachfragen und nachhaken.
Warum boomt die eine Strasse, während die andere vor sich hin kümmert? Warum steht eine ganze Stadt wie Dresden hinter dem Aufbau der Frauenkirche und in Leipzig streitet man sich verbissen um die Unikirche? Und warum schaffen es die Einzelhändler in der City nicht, sich auf gemeinsame Öffnungszeiten zu einigen? Die Idee, in einer Serie spezifische Leipziger Entwicklungen und Fehlentwicklungen, Widersprüche und Gegensätzlichkeiten zu hinterfragen, war geboren. Sie schließlich groß zu ziehen, dauerte etwas länger.
„Interessant ist, was dahintersteht“
Denn zuerst hielt sich die Begeisterung der Redaktion in Grenzen. Schreibt die LVZ nicht ständig über aktuelle Entwicklungen in der Stadt? Sind bestimmte Mißstände nicht schon x-mal thematisiert worden? Für Thomas Seidler gewann die Idee jedoch schnell an Faszination, „denn beim genaueren Nachdenken fanden wir heraus, dass wir bei bestimmten Themen oft gar nicht mehr so fit waren. Im alltäglichen Journalismus einfach mal einen Strich zu ziehen, den aktuellen Stand und das ganze Beziehungsgeflecht, die Interessengruppen zu erkunden, kommt oft zu kurz.“ Um einer breiten Themenauswahl gerecht zu werden, wurden andere Ressorts mit einbezogen, schließlich zwölf Themen festgelegt, Platz und Aufwand bestimmt. Die Konzeption stand.
Und es war ein Kraftakt. Für Lokalredakteurin Kerstin Decker, die der unterschiedlichen Entwicklung zweier Hauptstrassen nachging, war die Recherche wesentlich aufwendiger als sonst. Um auf dem aktuellen Stand zu sein, zählte sie die Anzahl der ansässigen Dienstleister auf beiden Strassen und führte etliche Gespräche mit Experten, Hausbesitzern und Anwohnern. Heraus kam ein investigativ erarbeitetes Gesamtbild zum Thema: eine Mischung aus Reportage, Expertenmeinung, Beschreibung und der Stimme aus dem Volk. Außerdem wurde der Artikel mit einer Nachrichtenmeldung auf der Titelseite eingeleitet. Diese Ressort übergreifende Zusammenarbeit ist für Hochstein auch das Besondere der Serie – alle Redakteure stellten sich in den Dienst der Serie.
Dass es schließlich der erste Preis wurde, kam für alle in der Redaktion überraschend. Für Dieter Golombek, Sprecher der Jury des Lokaljournalistenpreises, war es aber vor allem die originelle Frage, eine Schlüsselfrage, die originären Journalismus ausmacht. „Oft bekommt man als Journalist nur Antworten präsentiert. Die LVZ hat sich aber die Mühe gemacht, im Interesse der Leser selbst Themen zu besetzen und den Finger in die lokale Wunde zu legen.“
Diesen Erfolg zu wiederholen wird schwierig. Mit dem Zuschlag für Leipzig als deutscher Olympiabewerber sind alle Ressorts damit beschäftigt, die Tage bis zur Entscheidung, wer Olympia 2012 austragen darf, rückwärts zu zählen und die Bewerbung Leipzigs zu begleiten. Die LVZ hat das olympische Fieber gepackt und da heißt es eher: Dabeisein ist alles.
Alexander Maas |