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erscheint 25.9.2003

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© DJV-Kurier 46, Dresden, 2003, Vervielfältigung oder Nachdruck nur mit Genehmigung der Redaktion

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Nur die Besten
sterben arm

Freie DJV-Journalisten
(aus Hessen und den drei mitteldeutschen Ländern) wehrten sich in Erfurt
gegen Honorar-Dumping und verschärften Stress

Als Dirk Lübke, Chefredakteur der Wetzlarer Zeitung, geschickt in die Runde fragte, wer sich denn nach einer Festanstellung sehne, meldeten sich nur vier der etwa 45 nach Erfurt angereisten Kollegen aus Hessen, Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt. Die freie Lohnschreiberei muss also auch so etwas wie eine Droge sein. Kaum einer dürfte im Erfurter Augustinerkloster gesessen haben, der aus Übermut einer Redaktion gekündigt hat, um als freier Starautor Millionen zu verdienen. Und doch haben viele, wenn auch anfangs nicht freiwillig, “Blut geleckt”. Zumindest bei den hauptberuflichen freien Journalisten darf also von höchster Motivation und Bereitschaft zur Selbstausbeutung ausgegangen werden.

“FREIheit kostet was! – Qualität hat ihren Preis”, ist deshalb das Produkt der Tagung, die “Erfurter Erklärung” doppelsinnig überschrieben. Einen Preis, den zunächst der einzelne zu zahlen bereit war, als er die Risiken des Freischwimmerdaseins auf sich nahm. Die erklärte Bereitschaft zu eigener Leistung und Vorleistung ging zur Tagung am 8.September so weit, dass bei der Schlussredaktion der Erklärung die Selbstkritik noch vor die Kritik rückte. Effizienzsteigerung, Erschließung von Märkten in neuen Medien, Spezialisierung und damit Unersetzbarkeit und die Bildung von Journalistenbüros waren zuvor diskutiert worden. Die sächsische Landesvorsitzende Sabine Bachert war es vor allem, die diese Selbstanfrage ins Spiel brachte. In der Erklärung landeten die Aufforderung zur Solidarität, um einem Dumping-Wettbewerb entgegenzuwirken, und der Aufbau von Netzwerken.

Auch der DJV wird in der Erklärung zunächst mit Forderungen überhäuft. Verhandlungen über Rahmentarife, wie sie mit dem MDR anlaufen, im Printbereich aber noch ausstehen, sollten endlich begonnen und zum Erfolg geführt werden. Beratung, Betreuung und Qualifizierung in fachlicher und unternehmerischer Hinsicht könnte der Verband intensivieren. Als besonders wichtig wird der Rechtsschutz angesehen. Ganz allgemein solle der DJV sich für eine qualitätsgerechte Honorierung und bessere soziale Grundabsicherung einsetzen.

Dann erst ist von dem Preis der permanenten Selbstüberforderung die Rede, der bei allem Enthusiasmus derzeit ins Unverschämte steigt, will heißen, als Preis für die geleistete Arbeit in Gestalt demütigender Honorare ins Unverschämte absinkt. Die Erfurter Konferenz diskutierte und hinterfragte nicht den allgemeinen Trend zu Lohndumping und prekären Arbeitsverhältnissen. Umwandlung von festen Stellen in freie und Outsourcing sind bekanntlich in der Medienbranche besonders ausgeprägt. Nicht von ungefähr ist der Anteil der Freien im DJV Sachsen auf 59 Prozent gestiegen. Diese Entwicklung erscheint vorerst unumkehrbar. Wohl aber wurden ihre Folgen in Erfurt drastisch beschrieben und Forderungen nach einer Begrenzung der negativen Auswirkungen erhoben.

Eine Umfrage, die im Sommer in Hessen und den drei mitteldeutschen Landesverbänden gestartet wurde, spricht für sich. Trotz des geringen Rücklaufs von unter zehn Prozent dürfen die Ergebnisse wegen der Übereinstimmung mit ähnlichen Untersuchungen als repräsentativ gelten. Gisela Bauer aus Chemnitz stellte einen Querschnitt der vier Länder vor. “Sinkende Auftragsvolumina, zunehmende Arbeitsbelastung und sinkende Einnahmen”, kennzeichnete sie in toto die wirtschaftliche Situation der Freien. In Sachsen überwiegt zwar auch Pessimismus, aber immerhin 27,4 Prozent halten ihre Lage für gut oder sogar sehr gut.

Etwa ein Viertel der Befragten arbeitet wöchentlich mehr als 50 Stunden. Sachsen scheinen besonders emsig, hier sind es 39 Prozent. Ihnen steht ein ähnlich großer Anteil gegenüber, der unter einer 40-Stunden-Woche bleibt. Was heraus kommt, lässt allerdings den gegenwärtigen Jammer der sächsischen Beamten über die Kürzung ihrer Zulagen in einem anderen Licht erscheinen. In Sachsen bleiben zwei Drittel der freien Kollegen unter einem monatlichen Umsatz von 2000 Euro. Die Kontraste sind hier besonders groß, denn 57 Prozent haben nach allen Abzügen weniger als 1000 Euro netto im Monat zur Verfügung. Im Länderdurchschnitt sind das sonst etwa 40 Prozent. Einem knappen Viertel der sächsischen Freiberufler verbleiben aber immerhin noch mindestens1500 Euro netto.

Die Einkommen werden gedrückt durch die hohe Zahl von Zeitungsmitarbeitern, die beispielsweise in Thüringen oder Hessen von Lokalredaktionen nicht mehr als 10 Cent pro Zeile bekommen, und von den teils erbärmlichen Bildhonoraren. Die Ostthüringer Zeitung zahlt zum Beispiel nicht mehr als 5 Euro für das Digitalfoto.

Negativ überrascht hat sogar die DJV-Funktionäre der Stand der sozialen Absicherung, die Gisela Bauer als “erschreckend” bezeichnete. Nur die Hälfte gab an, Mitglied in der Künstlersozialkasse zu sein, nur ein Drittel profitiert von den Auswertungen der VG Wort. Die geringen Honorare lassen in Sachsen nur für 16 Prozent der Befragten eine private Altersvorsorge zu.

Über Auswege aus diesem Dilemma wurde in Erfurt teils emotional diskutiert, und nicht alles fand Eingang in die Abschlusserklärung. Die Forderung von Michael Schäf aus Jena beispielsweise nach einer Zertifizierung, einem Berufsschutz vor Billigkonkurrenz für gestandene Profis. Von Quereinsteigern, Naturtalenten, Platzhirschen oder weiterbildungsresistenten Routineschreibern war im ausführlichen Disput mit Chefredakteur Lübke häufig die Rede. Der lief aber im Kern immer wieder darauf hinaus, dass Qualität und solide Recherche bei der gegenwärtigen Entlohnung nicht mehr möglich sind. Wer noch für Tageszeitungen schreibt, ist selbst schuld, hieß es sarkastisch in den Pausengesprächen. Uwe Gajowski, DJV-Landesvorsitzender in Sachsen-Anhalt, unterstellte sogar, die Verlage seien an hoher Qualität gar nicht mehr interessiert. Zugleich kreiste die Diskussion etwas widersprüchlich aber gerade um die Frage, wie die eigene Qualität und damit die Wettbewerbsfähigkeit gegenüber den Kollegen gestärkt werden kann, die ja in ihrer Gesamtheit wiederum zur Solidarität untereinander aufgerufen sind.

Weiterbildung ist dabei ein entscheidender Faktor. Und obgleich Ost-West-Unterschiede in Erfurt so gut wie keine Rolle spielten, kann der bescheidene Ossi auf Wetzlarer Selbstverständlichkeiten nur neidisch werden. “500 Euro für eine Schulung muss der freie Mitarbeiter dem Verlag doch einmal wert sein”, meinte Dirk Lübke. Dass der Wettbewerb noch an Schärfe zulegen wird, ist aber auch für ihn eine ausgemachte Sache.

Bleibt den zwischen Stolz und Gnadenlosigkeit lavierenden Freien nur ein Katalog von Forderungen, um nicht bloß als Schreibmaschine dahinzuvegetieren. Angemessen sollten die Vergütungen sein und insbesondere die im Osten noch unüblichen 12a-Tarifverträge für arbeitnehmerähnliche Freie ausgehandelt werden. Mehrfachverwertungen sollten auch vergütet werden, Exklusivrechte im Gegensatz zur verbreiteten Praxis wieder die höher bezahlte Ausnahme werden. Mindestvergütungen entsprechend der Mittelstandsempfehlung fordert die “Erfurter Erklärung” ebenfalls. Die Politik solle den mit dem neuen Urhebervertragsrecht eingeschlagenen Weg konsequent fortsetzen und Autorenrechte weiter stärken. Strikt abgelehnt wird die Einbeziehung in eine künftige Gewerbesteuervariante, auch wenn nach den gegenwärtigen Vorstellungen der Regierung nur wenige journalistische Existenzkämpfer davon betroffen sein dürften.

Inwieweit diese Forderungen auf Resonanz stoßen, bleibt abzuwarten. Für die meisten der etwa 3000 freien Journalisten in den vier Teilnehmerländern gilt unverändert das tägliche Motto “Augen auf und durch”!

Michael Bartsch